Innerlich gekündigt

Wir beschäftigen uns bei Third Wave gerade unter anderem mit dem Thema ‚Zukunft des Publishings.‘ Eines der faszinierenden Unternehmen in dem Bereich ist BuzzFeed aus New York. Wer sich inspirieren lassen möchte, wie ein Unternehmen heute im Web erfolgreich Inhalte produzieren und monetarisieren kann, sollte sich den Vortrag von BuzzFeed-Chef Jonah Peretti beim Changing Media Summit ansehen. Die interessantesten Aussagen von ihm, haben wir auf unserem Firmenblog festgehalten.

Während ich den Vortrag angeschaut habe, sind mir direkt am Anfang zwei Aussagen aufgefallen, die mich zusammengenommen, stutzig gemacht haben:

  • BuzzFeed hat 40 Millionen Besucher im Monat.
  • Ihre Kernzielgruppe fällt in die Kategorie „Bored at work.“ Peretti beschreibt diese Gruppe mit „Die Hälfte des Tages arbeiten sie und die andere Hälfte sind sie im Web unterwegs, schicken sich Nachrichten usw.“

Zusammengenommen bietet sich für mich einmal mehr ein Bild einer riesigen Arbeitnehmerschaft, die, wie man in Deutschland gerne sagt, „innerlich gekündigt“ hat.

Gallup Engagement Index

Apropos Deutschland, Gallup hat vor einem Monat zum zwölften Mal die Ergebnisse seines Engagement Indexes veröffentlich, in dem sie die emotionale Bindung deutscher Arbeitnehmer untersuchen. Die wichtigsten Punkte:

  • Von 100 Beschäftigten haben 15 eine hohe, 61 eine geringe und 24 keine emotionale Bindung. D.h. von fast 35 Millionen Arbeitnehmern spüren fast 30 Millionen eine geringe oder keine emotionale Bindung zu ihrem Unternehmen.
  • Gallup schätzt die wirtschaftlichen Kosten auf zwischen 112 und 138 Millarden Euro.
  • Die inneren Kündigungen nehmen zu: 2001 lag der Anteil der Arbeitnehmer ohne emotionale Bindung zum Unternehmen bei 15 Prozent. In 2012 lag der Anteil bei 24 Prozent.
  • Die Gruppe mit hoher emotionaler Bindung hat 43 Prozent weniger Fehltage und 70 Prozent weniger das Gefühl des Ausgebranntseins als die Gruppe mit keiner Bindung.
  • Die Baby Boomer Generation hat die geringste emotionale Bindung.

Die Studienergebnisse weisen viele weitere, hoch spannende Zahlen auf, die zeigen, wie sich die emotionale Bindung zum Unternehmen sowohl auf die Motivation der Mitarbeiter als auch auf den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens auswirkt.

Arbeit als Identität

Ich sehe hier eine inhaltliche Verknüpfung zur Frage wie wir arbeiten wollen, wenn mehr und mehr Jobs durch Maschinen ersetzt werden. Gar nicht mehr zu arbeiten scheint keine Alternative. Die Gallup-Studie enthält Zahlen, die zeigen wie sehr wir uns in Deutschland mit Arbeit an sich identifizieren. Umso mehr sollten wir die Veränderungen nutzen, um uns auf die Suche nach Arbeitsformen und -herangehensweisen zu machen, die uns auf Dauer motivieren.

Einige offene Fragen:

  • Wie neu ist unser Bedürfnis, uns mit unserer Arbeit zu identifizieren? Oder ist es eine Rückkehr zu einem Arbeitsverständnis, das durch die industrielle Revolution nur „kurzzeitig“ pausierte?
  • Was lässt gerade die Baby Boomer eine geringere Bindung zu den Unternehmen empfinden?
  • Ist es eine Typ- oder eine Bildungsfrage, wie gut sich jemand selbstmotivieren kann? Was treibt jemanden an, sich die Arbeit selbst zu suchen statt auf sie zu warten?

Veröffentlicht von

Johannes Kleske

Co-Gründer von Third Wave, lebt in Berlin, denkt nach über die Zukunft von Arbeit, Stadt und Kommunikation, mag sowohl guten Kaffee als auch guten Tee. Newsletter, Twitter, LinkedIn, Xing

3 Gedanken zu „Innerlich gekündigt“

  1. „Bored at work“ heißt nicht automatisch „innerlich gekündigt“, ich würde diese zwei Begriffe auseinanderhalten, manchmal ist der eine Zustand die Vorbote des nächsten Zustands aber nicht immer. Was ich noch wesentlicher finde, ist die Organisation unserer Arbeit heutzutage: 9-5 wie es früher hieß, also müssen Mannschaften in Büroräumlichkeiten ausharren, bis Feierabend ist, allein der Begriff „Feierabend“ hat sich ja aus so einer Gewohnheit aus etabliert. Wann werden wir schaffen, unsere Arbeit so zu organisieren, dass Arbeitsvolumen uns sagt, wann wieviel gearbeitet werden muss, und wenn gerade „nichts“ zu tun ist, kann ich mich als Person zu Dingen widmen, die mich „weiterbringen“ und manchmal kann das auch Recherche im Internet sein, oder Online über Themen lesen, die irgendwie meinen job oder mich nur am Rande btreffen, quasi „stumble uopn“ Gedanke, oder wie google praktiziert 10% deiner Arbeitszeit verbringst du mit Dingen, die nicht zu deiner Arbeit gehören. (oder waren es sogar mehr %) Da würde ich noch nachhaken, und wenn mal mehr an Arbeit zu bewältigen ist, muss ich dann bereit sein, am Wochenende oder spätabends zu arbeiten, also Flexibilität in alle Richtungen. (nutzt meistens der/die ArbeitgeberIn aus, daher gefährlich;)) Meine 5cent

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