Die Piraten und die deutsche Angst vorm Scheitern

Ich bin weder ein großer Fan der Piratenpartei, noch ein harscher Kritiker. Inhaltlich ist natürlich eine gewisse Nähe da. In Berlin habe ich sie gewählt, weil ich dachte, dass Regierungspraxis ihnen gut tut, um die Ideologie durch Erfahrung zu ergänzen. Bisher scheint das noch nicht so richtig zu wirken. Ist aber auch kein Thema, bei dem ein paar Monate ein relevanter Zeitraum sind.

Was mich aber wirklich stört ist die Häme gegenüber der Piratenpartei. In einer Diskussion auf Facebook ist mir auch klar geworden warum. Hier meine Beiträge aus der Diskussion, leicht überarbeitet:

An den Reaktionen zur Piratenpartei kann man gut sehen, wie ernst es die meisten mit einem Mantra wie „fail early, fail often“ meinen.
Ich bin auch nicht glücklich mit dem, was sie da veranstalten und werde sie auch nicht unbedingt wieder wählen. Aber ich weiß auch nicht, ob ich’s besser machen würde.
Was ich respektiere ist, dass sie’s probieren. Zum Probieren gehört auch die Möglichkeit des Scheiterns. Trotzdem bewirken sie damit 1000x mehr als jeder, der nur meckert. Wer sich nun fragt, warum sich nicht mehr Menschen in Deutschland etwas trauen, braucht sich nur anzusehen, was sich die Piratenpartei anhören muss.

Vielleicht lässt sich das aber auch in einem größeren Kontext sehen. Selbst wenn die Piraten scheitern haben sie mit ihrer „dilettantischen“ Herangehensweise beachtliches erreicht. Im besten Fall gibt das anderen, die so etwas bisher nicht für möglich gehalten haben, den Mut einen eigenen Versuch zu starten. Ähnliches denke ich übrigens zu Occupy. Man wird erst in einigen Jahren wirklich bewerten können, welchen Einfluss sie auf die Gesellschaft tatsächlich gehabt haben. Und ich glaube, dass man ihn größer bewerten wird, als er aus der momentanen Perspektive scheint.
Ich habe in Berlin die Piraten gewählt, weil ich wollte, dass ihre Theorien am Politik- und Regierungsalltag geschliffen werden. Wie gesagt, es ist Teil des Ausprobierens, dass man scheitern kann. Ich hoffe allerdings, dass die Piraten durchhalten, ihre Fähigkeit aus Fehlern zu lernen verbessern und sich Stück für Stück einem umsetzbaren Politikverständnis annähern.

Es ist kein Wunder, dass wir uns in Deutschland so schwer tun, Neues zu wagen. All die amerikanischen Slogans, die uns ermutigen zu experimentieren, auszuprobieren und einfach mal zu machen treffen hier auf eine Kultur, in der das Scheitern die größtmögliche Schande darstellt. Das Problem ist nicht, dass die Piratenpartei viele Fehler macht. Das Problem ist, dass wir mit jedem Lästern, jeder Häme und jedem Sarkasmus eine Kultur der Angst vorm Scheitern bestärken, die Menschen davon abhält, ihr eigenes Ding zu probieren. Deswegen ist jeder, der es trotzdem wagt, ein wahrer Triumph. Und dazu gehören auch die Piraten.

Nachtrag: Ach, und liebe Piraten, nur dass wir uns da richtig verstehen. Bei allem Respekt vor eurem Wagnis erwarte ich trotzdem von euch, dass ihr euch den Arsch aufreißt, die Kinderkrankheiten so schnell wie möglich ablegt und aus euren Fehlern lernt, statt sie ständig zu wiederholen. Denn Scheitern dürfen heißt nicht Scheitern müssen.

Veröffentlicht von

Johannes Kleske

Co-Gründer von Third Wave, lebt in Berlin, denkt nach über die Zukunft von Arbeit, Stadt und Kommunikation, mag sowohl guten Kaffee als auch guten Tee. Newsletter, Twitter, LinkedIn, Xing

3 Gedanken zu „Die Piraten und die deutsche Angst vorm Scheitern“

  1. Seht gut geschrieben. Wir müssen weg davon, den der Scheitert mit Häme zu begegnen! Wir müssen ihn dafür Loben, es versucht zu haben. Sonst kann es doch gar keinen Fortschritt mehr geben …

    Heiko

    PS: Noch sind die Piraten aber nicht gescheitert …

  2. Danke dafür. Egal ob es um Politik oder Wetten dass..? Geht, diese Mentalität nervt mich. Ich frage mich wo bei den Leuten dieser ganze Hass herkommt. Dieses ewige nörgeln motzen und unzufrieden sein kann doch nicht gesund sein 😉

    Liebe Gruss Alex

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