Interview im Gold Magazin

Made it into the beautiful new sports magazine Gold with an interview about QS
Gold ist ein neues Magazin, dass sich mit dem Thema Sport aus einer ganz anderen Perspektive als die sonst üblichen Sportmagazine beschäftigt. Wunderschön gestaltet und fein geschrieben, ein Magazin ganz nach meinem Geschmack. Für einen Artikel über digitale Analysen und Tools im Mannschaftssport hat mich der Autor Clemens Stachel zu Quantified Self interviewt. Das ist dabei herausgekommen:

„Wie geht’s mir gerade?“

Johannes Kleske (33), Digital Strategist bei Third Wave in Berlin, hat dort im Mai ein Symposium zur „digitalen Selbstvermessung“ mitorganisiert. Ein Gespräch über Quantified Self, Handys als Avatare und den unheimlichen Effekt von Feedback-Loops.

Woher kommt der Trend zur digitalen Selbstvermessung, den wir seit ein, zwei Jahren beobachten können?
Im Grunde ist das nichts neues. Im Spitzensport und in der Medizin sind Menschen schon lange dabei, mithilfe von Sensoren ihre Körperdaten zu messen und daraus Handlungsanleitungen zu generieren. Was jetzt gerade passiert, ist, dass diese Technologien wesentlich günstiger und damit für einen Massenmarkt zugänglich werden.

Was früher nur Diabetiker und Spitzensportler gemacht haben, machen heute also Hipster und Hobby-Jogger. Wie kam es dazu?
Angefangen hat die Bewegung so etwa 2007 unter einigen Tech-Geeks in Kalifornien. Die haben begonnen, mit den verschiedensten Sensoren verkabelt durch die Straßen zu laufen, ganz einfach aus einem spielerischen Interesse am Funktionieren des eigenen Körpers. Mit dabei waren die Wired-Redakteure Gary Wolf und Kevin Kelly, die dem Ding dann einen Namen gegeben haben: Quantified Self. Es ging ihnen um eine experimentelle Form von Selbsterkenntnis. Sie wollten die Frage „Wie geht’s mir gerade?“ mit objektiven Messdaten genauer beantworten können. Um damit vielleicht auch ihr Leben ein Stück weit besser zu machen.

Und dann kamen die großen Sportunternehmen ins Spiel?
Genau. Die Sensoren zur Vermessung der verschiedensten Körperfunktionen oder auch der Gehirnströme sind heute um ein Vielfaches kleiner und billiger als noch vor drei, vier Jahren. Und so konnte der nerdige Zugang aus der Nische von großen Unternehmen wie Nike oder adidas in einen schick designten Massenmarkt herübergehoben werden.

Wie beurteilst du diese Entwicklung?
Im Gegensatz zum experimentellen Zugang der Geeks ist die Botschaft der Massenprodukte eine andere. Wenn man sich die Werbungen etwa für Nike Fuel ansieht, merkt man, hier geht es nicht so sehr um die Frage: Wie geht’s mir eigentlich?, sondern immer darum: Erreichst du dein persönliches Ziel oder nicht? Spannende Fragen über den Einfluss von Quantified Self auf uns und unsere Gesellschaft wollen die großen Firmen natürlich keine stellen.

Welchen Einfluss hat es denn auf unser Leben?
Der wahrscheinlich spannendste Aspekt an Quantified Self ist der unheimliche Automatismus des sogenannten Feedback-Loops. Das bedeutet, ich bekomme von einer Technologie direkt vor Augen gehalten, was ich gerade mache, und ändere genau dadurch mein Tun. Ich passe mich also einem Idealverhalten an, obwohl mich niemand unmittelbar dazu zwingt.

Können Sie ein Beispiel geben?
Wir alle kennen das Phänomen von diesen Geschwindigkeits-Displays am Straßenrand, die uns bei Ortseinfahrten zeigen, wie schnell wir gerade fahren. Und schon trete ich auf die Bremse. Eigentlich total bescheuert! Denn ich habe ja schon vorher gewusst, wie schnell ich fahre. Mit Quantified Self aktivieren wir diesen Automatismus nun in bezug auf unseren Körper. Ich persönlich trage seit kurzem einen Schrittzähler in der Hosentasche, einfach aus Spaß. Doch alleine weil ich mitverfolgen kann, wieviele Schritte ich jeden Tag mache, gehe ich plötzlich viel mehr zu Fuß.

Die Maschine übernimmt also die Kontrolle?
Oder ein zweites Ich in der Maschine. Das ist genau die Frage, die wir uns alle stellen müssen: In welcher Beziehung will ich mit den Maschinen meines Alltags stehen? In der Technikphilosophie gibt es die Unterscheidung zwischen dem Cyborg und dem Avatar. Der Cyborg ist die technologische Verlängerung meiner selbst. Wenn ich einen Telefonhörer in die Hand nehme, bin ich im Grunde schon ein Cyborg. Der Avatar hingegen ist eine komplett digitale Repräsentation meiner selbst in einem anderen System, ein eigener Charakter. Will ich also, dass die Vermessungs-App auf meinem Handy mir bloß Feedback gibt, oder lasse ich zu, dass sie sich in ein Ding verwandelt, auf das ich auch mal sauer bin?

Wie wird sich der Trend entwickeln?
Seinen eigenen Körper zu tracken, zu analysieren und diese Daten online zu sharen, wird in Zukunft zweifellos für viele Menschen ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens sein. Es ist vorstellbar, dass das Gesundheitssystem irgendwann darauf reagiert – etwa, indem die Krankenkassen günstigere Tarife bieten, wenn man ihnen regelmäßig die eigenen Körperdaten schickt. Oder dass sie einen erst gar nicht reinlassen, wenn man es nicht tut. Wichtig ist, dass man über das Thema spricht und die gesellschaftlichen Konsequenzen dabei nicht aus den Augen verliert.

Soweit das Interview. Das Magazin könnt ihr hier bestellen.

Veröffentlicht von

Johannes Kleske

Co-Gründer von Third Wave, lebt in Berlin, denkt nach über die Zukunft von Arbeit, Stadt und Kommunikation, mag sowohl guten Kaffee als auch guten Tee. Newsletter, Twitter, LinkedIn, Xing