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Weblog von Johannes Kleske

Meine Themen 2011

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Inhaltlich stachen für mich 2011 drei langfristige Entwicklungen hervor, die aus meiner Sicht die nächsten Jahre entscheidend mitprägen werden.

Produktionsmöglichkeiten für alle

Sehr positiv sehe ich dabei alles, was um Schlagworte wie Collaborative Consumption und DIY/Maker Bewegungen passiert. Das Web und Technologien wie 3D-Drucker ermöglichen ein verändertes Verständnis von Produktion und lokaler Wirtschaft. Plattformen wie Kickstarter sind für mich die spannendsten Tools dieser Tage, weil sie praktisch jedem ermöglichen, die Produktion des eigenen Wunschprodukts oder -projekts ohne die Hilfe von Banken nur mit den Kunden/Freunden/Unterstützern zu finanzieren. Diese Bewegung steht noch ganz am Anfang und hat noch viele Hürden zu überwinden. Aber wenn man sich die langfristigen Möglichkeiten ansieht, wie es gerade viele Science-Fiction-Autoren (z.B. Daniel Suarez und Charlie Stross) machen, habe ich persönlich das Gefühl, dass wir am Beginn einer sehr fundamentalen Veränderung sind, die nicht zuletzt durch aktuelle Wirtschaftsprobleme und Finanzkrisen bestärkt wird.

Informationsverarbeitung

Unser Umgang mit Nachrichten und Informationen ist ein Thema, was mich persönlich aus irgendeinem Grund sehr interessiert. Wahrscheinlich, weil ich schon immer einen unbändigen Wissensdurst hatte und Zeit meines Lebens nach Möglichkeiten gesucht habe, noch mehr noch besser aufzunehmen.

In diesem Jahr wurde nach meinem Gefühl ein gewisser Höhepunkt in dem Thema erreicht. Wir haben nun so viele Quellen und Meta-Quellen, dass niemand mehr nach kommt und den Überblick behält. Nun schwingt das Pendel zurück. Statt neue Quellen zu erschließen steht jetzt die große Frage im Raum, wie wir mit den zur Verfügung stehenden Informationen besser umgehen. In einem Artikel vom Juli habe ich über die beiden derzeit vorherrschenden Lösungsansätze Algorithmen und Kuratoren geschrieben. Seitdem hat mich das Thema konstant weiter beschäftigt.

Bei dem Thema lässt sich über die verschiedensten Facetten diskutieren. Von den Auswirkungen, die der Informationskonsum auf unser Hirn und unser Verhalten hat. Über den Qualitätsverlust unserer Nachrichtenmedien durch so genannte Content Farmen. Bis zur Konditionierung als reine Konsumenten durch die neuen und alte Geräte, die wir zur Informationsaufnahme nutzen. Ob man nun ganz auf Nachrichten verzichtet oder sich auf die Suche nach einer ausgewogenen „Informationsernährung“ macht, das Thema bleibt enorm spannend.

Privatsphäre und Datensicherheit

Leider sehe ich auch negative Entwicklungen, die an die Grundfesten unserer Kommunikation und unseres Lebens gehen. 2011 wird mir auf jeden Fall als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem sich mein Paranoia-Level massiv erhöht hat. Zuständig war dafür zunächst mal Cory Doctorow. Ich sag’s ganz ehrlich, ich halte Doctorow nicht für den besten Autor, aber für einen hervorragenden Trendscout und Szenarioplaner. Seine Romane sind vor allem das: er sieht Trends und überlegt sich, wie sich diese entwickeln könnten. Dazu schreibt er Geschichten.

In seinem Jugendroman Little Brother (als kostenloses ebook) schreibt er über einen Schüler, der in den USA der nahen Zukunft mit den Sicherheitsbehörden in Konflikt gerät und schnell merkt, wie es um seine persönliche Freiheit bestellt ist. Das beeindruckende an dem Roman ist vor allem, wie er zahlreiche Ereignisse, die man dieses Jahr in den USA beobachten konnte, vorweg nimmt. Allem voran die Räumungen der Occupy-Besetzungen. Auch sehr beeindruckend ist seine Kurzgeschichte Scroogled aus der Sammlung With A Little Help (als kostenloses ebook), die beschreibt wie Google trotz bestem Willen zu einem „bösen“ Unternehmen werden könnte. Wenn man sich dann das Verhalten des Unternehmens z.B. um Google+ und so manche Aussage von Eric Schmid in diesem Jahr ansieht …

Die Szenarioplanungen von Doctorow aber auch viele kleine Artikel und Beobachtungen mehr haben dazu geführt, dass ich mich dieses Jahr mit Themen wie Datensicherheit und Privatsphäre deutlich mehr beschäftigt habe. Neben mir und vielen anderen haben auch viele Regierungen in diesem Jahr mehr denn je verstanden, welche Möglichkeiten und vor allem aus ihrer Perspektive welche „Gefahren“ für sie in den vernetzten Kommunikationsmöglichkeiten liegen. Sei es Staatstrojaner und Vorratsdatenspeicherung in Deutschland, SOPA in den USA, Internetabschaltungen ganzer Länder im arabischen Frühling und viele Zensur- und Bespitzelungsbemühungen mehr. Die Aussichten für eine freie Kommunikation sind alles andere als gut. Wie gesagt, ich bin in diesem Jahr paranoider geworden.
Plötzlich finde ich mich in einer Position, wo ich mich nicht mehr über eine Verbraucherministerin Aigner lustig mache, weil sie ja mit ihrem „Privatsphäreverständnis noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen sei“. Sondern wo es mich wütend macht, dass sie sich einem Konzern wie Facebook gegenüber so naiv und unbeholfen verhält. Und das ist ein vergleichsweise kleines Thema.

Das wichtigste Mittel, mit dem wir uns gegen diese Entwicklung wappnen können, ist Kompetenz im Umgang mit Kommunikation und den dazu nötigen Tools und Plattformen. Es mag derzeit übertrieben scheinen (oder auch nicht), die eigenen Emails zu „signieren“ oder gar zu verschlüsseln. Aber besser es jetzt zu lernen als wenn es zu spät ist. Es geht aber um viel mehr Kompetenz als nur um die Beherrschung von Sicherheitstechniken. Es geht darum zu verstehen, wie die Dinge funktionieren. Es geht darum zu begreifen was passiert, wenn man dies oder jenes tut. Und es geht darum es so gut zu erfassen, dass man es anderen vermitteln kann. Unsere beste Chance gegen einen überwachungswütigen Staat und skrupellose Konzerne sind kompetente Bürger, die das richtige fordern und sich gegen das falsche schützen.

Ausblick

Insbesondere der Umgang mit Informationen und die Sicherheitsaspekte sind die Themen, die groß auf meiner persönlichen Agenda für 2012 stehen. Beide haben viel mit unserer Kompetenz im Umgang mit neuen Technologien zu tun. Das ist wohl der rote Faden, der sich durch mein persönliches Engagement zieht, dass ich 2012 klar ausweiten möchte. Die Mac-Kurse, die ich Stück für Stück ausbauen werde, sind da nur ein kleiner Anfang. Auf ein enorm interessantes 2012.

Mein persönlicher Jahresrückblick ist hier.

Johannes Kleske

35, Co-Gründer von Third Wave, lebt in Berlin und denkt über leben und arbeiten im 21. Jahrhundert nach.

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