Komplex

Es ist schwer, verdammt schwer. Wenn ich höre und sehe, was z.B. die letzten Tage und vor allem Nächte in London passiert ist, fange ich an, nach Erklärungen zu suchen, um das Unverständnis zu kanalisieren. Die Kürzungen der Jugendclubs sind schuld. Oder vielleicht doch Werbung und Kapitalismus? Die Arroganz und Weltfremdheit der Politik? Twitter und Blackberrys? Alles ein bisschen? Die Welt ist komplex, unglaublich komplex. Kein Wunder, dass wir nach einfachen Lösungen suchen, um uns nicht völlig ohnmächtig zu fühlen. Ich habe dafür vollstes Verständnis. Ich mache es selbst ständig. Das Problem ist, dass einfache Erklärungen zwar kurzfristig befriedigen aber langfristig auf die falschen Lösungswege führen. Wie H.L.Mencken sagte:

For every complex problem, there is a solution that is simple, neat and wrong.”

Wir stehen uns dabei selbst im Weg, weil wir glauben, wir hätten die Erklärung gefunden und weichen von dieser Position nicht mehr ab und verhindern so einen produktiven Diskurs um eine wirkliche Lösung. Im Angesicht der Komplexität überschätzen wir uns mit unserem Wissen und unserer Einsicht selbst ständig.

Tim Harford, Ökonom und Autor, nennt das den “God Complex”, den er in seinem sehr sehenswerten TED Talk beschrieben hat.

Unsere Position aufzugeben, bedeutet mit der Unsicherheit und der Erkenntnis, nicht alles sofort durchschauen zu können, konstant leben zu müssen. Auch wenn es enorm anstrengend und unangenehm ist; wir sollten uns konstant dazu anhalten, die Lösungsansätze, die wir definieren, als ständige Experimente statt unumstößliche Wahrheiten zu betrachten. In dem Moment, in dem ich eine Erklärung als gegeben und sicher ansehe, sollten bei mir alle Warnlampen angehen. Weniger vorschnelle Meinung, unreflektiertes Retweeten, Schuldzuweisungen, Emotion. Mehr offener Diskurs, Beobachtung, Perspektivenwechsel, Gedankenexperimente, Was-wäre-wenn-Szenarien. Durchatmen.

Veröffentlicht von

Johannes Kleske

Co-Gründer von Third Wave, lebt in Berlin, denkt nach über die Zukunft von Arbeit, Stadt und Kommunikation, mag sowohl guten Kaffee als auch guten Tee. Newsletter, Twitter, LinkedIn, Xing

4 Gedanken zu „Komplex“

  1. „…Lösungsansätze, die wir definieren, als ständige Experimente statt unumstößliche Wahrheiten zu betrachten…“ sehe ich absolut genau so! „life is a beta“, wie es jeff jarvis in WWGD formulierte! Toller Post

  2. „In dem Moment, in dem ich eine Erklärung als gegeben und sicher ansehe, sollten bei mir alle Warnlampen angehen.“

    „Nothing is true, everything is permitted.“

    Wenn wir keine Lösungen mehr annehmen können, können wir gar nichts mehr sagen. Wenn wir unsere eigenen Gedanken ständig wieder hinterfragen müssen, kommen wir nicht mehr zum denken. „Das ist Komplex.“ ist mittlerweile Vorwand geworden, sich überhaupt nicht mehr mit Sachverhalten auseinanderzusetzen, da man sie ja eh nicht ergründen kann.

    „Das ist Komplex.“ Ich kann es nicht mehr hören. Natürlich ist es komplex. Aber diese Komplexität lässt sich nur im Diskurs auflösen.

    1. Stimme dir völlig zu, dass „Das ist komplex.“ niemals zur Ausrede werden darf, nichts mehr zu tun bzw. direkt aufzugeben. Mir geht es aber eher darum, dass wir unsere Lösungen nicht als final ansehen. Harford beschreibt in dem Video, dass Trial and Error die beste Möglichkeit ist, um Lösungen für komplexe Probleme zu finden. Das ist das Gegenteil von nichts tun.

  3. Ich finde es gibt einen großen Unterschied ob es sich um Schicksalsschläge handelt, also  entweder persönliche oder so etwas wie Flugzeugabstürzen etc. Gerade bei letzteren nervt mich dieser journalistische Reflex „nach Schuldigen zu suchen“. Da scheint es mir oftmals darum zu gehen, das Leben einfacher zu machen als es ist oder nach irgendwie (nicht für die Angehörigen sondern für die Öffentlichkeit) tröstlichen Antworten zu suchen. Aber gerade bei sozialen Handeln wie bei solchen Ausbrüchen, die nicht ohne Vorbild sind, sollte man schon eine gewisse Denkarbeit starten und auch unbequeme Fragen stellen. Zumal ja manchmal auch die Machthabenden an einer Verunklarung und Mystifizierung von Problemen interessiert sind. Und natürlich sollte man sich dabei nicht zu sicher fühlen. Aber es gibt Situationen, in denen die, die vorher keine Stimme hatten, ihre Stimme finden und in denen es für einen Moment so etwas wie eine einzige Wahrheit gibt. (Auch wenn ich nicht glaube, dass das auf die Situation in London notwendigerweise zutrifft). 

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