Irgendwo zwischen Zufriedenheit und Progression

Eine Frage, die mir bei Formspring gestellt wurde, fand ich so spannend, dass ich die Antwort hier wiedergebe.

Frage: Gibt es was Grundlegendes das du an deinem Lebensstil, deiner Lebensweise noch ändern möchtest-Vorsätze, Einstellung usw. -oder würdest du dich als grundsätzlich zufrieden bezeichnen?

Antwort: Das ist eine sehr spannende Frage, die mich gerade sehr intensiv beschäftigt.

Ich lebe seit meiner Teeniezeit mit dem einen Extrem. Ich bin niemals zufrieden und möchte eigentlich immer alles verändern. Bin ich an einem Punkt angekommen, ist mein Kopf schon auf dem Weg zum nächsten. Müsste ich mein Wesen mit wenigen Worten beschreiben, so würde ich sagen, dass ich beständig auf der Suche nach dem nächsten Schritt, der Verbesserung, dem höheren Level bin. Dieser innere Drang hat mich an den Punkt geführt, an dem ich mich gerade befinde. Es ist inzwischen u.a. Teil meines Jobs, immer nach den neusten Entwicklungen Ausschau zu halten, sie zu bewerten und für Agentur und Kunden anwendbar zu machen. Fast ausschließlich im einen Extrem zu leben bedeutet aber auch, dass das andere praktisch kaum vorhanden ist. Ich bin so gut wie nie mit mir und meiner Arbeit zufrieden. Wurde ein Projekt erfolgreich abgeschlossen, sehe ich vor allem die Punkte, die man noch alle hätte besser machen können. Das führt dazu, dass ich den Status Quo in der Regel überwiegend negativ bewerte, was es meinem Umfeld häufig nicht gerade leicht mit mir macht. Hin und wieder frage ich mich, ob es wohl der Preis des Fortschritts ist, das eigene Leben mit einer eher negativen Haltung zu leben bzw. wie man trotz konstanter Progression mit dem Status Quo seinen Frieden machen kann.

Denn darin liegt, glaube ich, auch der Schlüssel zur gestellten Frage. Wenn ich es schaffe, mit meinem Leben grundlegend zufrieden zu sein, das Erreichte zu feiern und den Moment zu genießen, ohne dabei stehen zu bleiben und die Weiterentwicklung zu vernachlässigen, dann habe ich das optimale Gleichgewicht erreicht. Allerdings glaube ich nicht, dass es dieses in der Realität gibt. Stattdessen werden wir ständig leicht zur einen und dann wieder zur anderen Seite schwanken, wie jemand der ein Brett auf einer Tonne balanciert.

Nachdem ich nun viele Jahre nur auf der Seite der Progression stand, frage ich mich, ob 2010 nicht ein Jahr werden könnte, in dem ich mein Gewicht auf die andere Seite verlagere…

Veröffentlicht von

Johannes Kleske

Co-Gründer von Third Wave, lebt in Berlin, denkt nach über die Zukunft von Arbeit, Stadt und Kommunikation, mag sowohl guten Kaffee als auch guten Tee. Newsletter, Twitter, LinkedIn, Xing

8 Gedanken zu „Irgendwo zwischen Zufriedenheit und Progression“

  1. Wäre spannend zu erörtern, inwieweit man überhaupt lenken kann, zu welcher Seite man gerade ausschlägt bzw. wovon dies abhängt. Manchmal wünschte ich mir, hier mehr Kontrolle zu haben, als man zu haben scheint.

    1. Ich glaube durchaus, dass man das lenken kann. Entscheidend ist dabei, nicht nach dem perfekten Moment der Balance zu suchen, sondern sich bewusst in die eine und dann in die andere Richtung zu lehnen. Was ich damit meine ist, bewusst für bestimmte Zeiträume einen Fokus zu legen statt konstant nach dem Optimum zu sorgen. Wenn ich z.B. für 2010 beschließe, weitgehend auf Konferenzen zu verzichten und dafür mehr Freunde zu besuchen, dann gehe ich schon davon aus, dass ich mich ein wenig weg von der Progression hin zu Zufriedenheit und vor allem zum „Feiern“ bewege 😉

  2. (I like this!) – Schöne Zusammenfassung deines „Schlüssels“. Kann mich damit ein Stück weit identifizieren. Interessant, der Spannungsbogen zwischen Entschleunigung, dem zur Ruhe finden und Erhalten der nötigen Agilität in unserer Fast-Forward Gesellschaft – und das im Kontext meist fehlender Zufriedenheit und Dankbarkeit, die wir eigentlich angesichts des globalen Vergleichs haben sollten. Ich fühle ein plötzliches schwanken, um so mehr ich versuche in Ruhe darüber nachzudenken…

  3. Meine Frage! Danke für die Antwort, in dieser gehobenen Umgebung 😉 Mir geht es übrigens ähnlich wie dir: Allerdings sehe ich die „zufriedene Seite“ noch ein weniger positiver. Zufriedenheit mit dem Status Quo, wirkt auch auf Außenstehende ganz anders Positivere Vibes inspirieren Leute um dich rumm und viele Dinge kommen ins Rollen die sonst der kritischen Denkweise wegen nicht passieren würden. Genau dieser Denkunterschied bringt dann richtige Veränderung. Insofern auch ein Zufriedeneres und mehr „Living the moment“ 2010!

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