Monthly Archive for März, 2007

.klein im NUN

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(Foto von Denis)

Wunderschönes Konzert von .klein gestern im NUN. Ok, wer abstrakte Beats und Akustikgitarren zusammenpackt hat mich sowieso schon gewonnen. Aber wenn dann noch sehr angenehme Zeitgenossen dazukommen wird’s ein glücklicher Abend mit sauschöner Musik.

Interview zu Twitter im Deutschlandradio

Gestern hat mich Markus von der Radiosendung blogspiel angerufen und zum Thema Twitter interviewt. Das Ergebnis könnt ihr in Form von zwei Statements am Samstag ab 16:30 auf Deutschlandradio Kultur hören. Das komplette Interview gibt es jetzt schon im Web.

Wen interessiert das denn bitteschön?

Schon lustig irgendwie das diese Frage, die man als Blogger immer noch häufig gestellt bekommt, in den letzten Tagen vor allem von Bloggern gestellt wird, wenn es um Twitter geht. So schnell kann man die Seiten wechseln…

Dave Winer über Twitter:

I’m very reluctant to dismiss Twitter as a passing fad, aware that many people said that about blogging, and I was sure they were wrong, and they were. Whenever so many people are so excited about something there must be some substance. It’s the same reasoning that makes me reject the idea that George W. Bush is stupid. You don’t get to be President and be stupid, and nothing frivolous gets to be as popular as quickly as Twitter has.

Das definitive Glossar zu Web 2.0

Auch wenn alle anderen es ebenfalls verlinken, das hier dürft ihr euch nicht entgehen lassen:

Spreeblick » Blog Archive » Per Anhalter durchs Web 2.0:

Durch Voice-Over-IP-Technologie ist es möglich geworden, ohne einen Telefonanschluss zu telefonieren. Man benötigt dazu lediglich einen Highspeed-DSL-Anschluss, den viele Kommunikationsdienstleister im Paket mit einem Telefonanschluss anbieten.

Frischer Lesestoff zu Online-Journalismus

Gestern war mein Gewinn von der UPLOAD Einweihungsfete in der Post: das Buch “Weblogs, Podcasting und Online-Journalismus. oreillys basics” (Moritz ‘mo.’ Sauer). Ist zwar immer cool, was zu gewinnen. Aber von den Socken gehauen hat’s mich jetzt nicht ein Buch zu bekommen, das sich mit Weblogs und Podcasting beschäftigt, da ich mich da ja nun schon etwas auskenne. Was ich bisher aber immer übersehen hatte ist der kleine Zusatz ‚Online-Journalismus‘ auf dem Titel. So enthält das Buch einige Kapitel zu sauberer Recherchearbeit, guten Interviewtechniken, interessanten Kritikformulierungen und Medienrecht. Und diese Themen interessieren mich wiederum derzeit ganz besonders. Insofern noch einmal ein extra Dankeschön an Jan.

re:publica leider ohne mich

Mit blutendem Herzen habe ich mich heute entschieden nicht zur re:publica zu fahren. Der Grund ist schlicht und einfach die Kohle. Auch wenn die re:publica in meinen Augen nun wirklich günstig ist, so kommen doch für mich mit Fahrtkosten und Spesen vor Ort soviel zusammen, dass ich es mir gerade einfach nicht leisten kann. Mag irgendwer sonst dort ein bisschen Coworking evangelisieren?

Coworking DE – Mailingliste, Wiki und Webmontag

Schon lustig: dadurch, dass ich jetzt seit ca. zwei Monaten auf meinen DSL-Anschluss von o2 warte wird das Thema Coworking auch praktisch für mich immer relevanter. Heute Abend stelle ich es auf dem Webmontag in Karlsruhe zur Diskussion, vor allem um mal abzuchecken, wie das Interesse für eine Coworking-Location in Karlsruhe aussieht.

Wie relevant das Thema ist wird mir allein schon an dem Feedback klar, dass ich bekomme, seitdem ich die Artikel über Coworking und Being Spaces geschrieben habe. Um die Kommunikation über Coworking im deutschsprachigen Raum etwas anzuschieben habe ich jetzt mal

eingerichtet. Wen die Thematik interessiert ist willkommen sich anzumelden und mitzureden.

Mehr zum Thema:

Twitter – Produktivitätskiller oder Vernetzungstool

Kathy Sierra schreibt über Twitter als das ulimative Workflow-Unterbrechungstool (via Nicole). Und sie hat recht! Ich hatte übers Wochenende mal die Weiterleitung der Nachrichten aufs Handy an, weil ja alle gerade bei SXSW sind und bin bald wahnsinnig geworden.

Grundsätzlich denke ich, dass Twitter uns noch mehr als IM und E-Mail herausfordert, kompetent mit unseren Kommunikationsmitteln umzugehen. Das heißt sie zu bestimmten Zeiten komplett abzustellen, um konzentriert und im „Flow“ arbeiten zu können.

Ich denke aber auch, dass sich Twitter vom momentanen Overkill der belanglosen Nachrichten in ein praktisches 1-zu-Gruppe-Kommunikationstool weiterentwickeln wird. Wie genial wäre es, wenn ich dediziert nur an eine bestimmte Gruppe meines Umfelds schreiben könnte, dass ich jetzt ins NUN gehe und alle eine SMS bekommen. Es würde unsere Leben deutlich mehr miteinander vernetzen. Und wenn ich konzentriert arbeiten will, mache ich eh mein Handy aus.

Twitter – Tipps und Tools

Da der Artikel vom Wochenende einige Aufmerksamkeit erregt hat, hier noch ein paar gute Artikel über und Tools für Twitter:

Twitter – Thesen zum Hype

So langsam kommt der Twitter-Hype auch in Deutschland an und die deutsche Blogosphäre scheint sich kollektiv „WTF?“ zu fragen. Wie kann ein Dienst, in dem ich den letzten Rest meiner Privatsphäre preisgebe und ständig poste, was ich gerade mache, so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen? Sowas mag uns einfach nicht in die konservativen, kritischen Köpfe.

Für alle, dies noch nicht mitbekommen habe, Twitter ist ein neuer Webdienst von Blogger-Gründer und Odeo-Macher Evan Williams. Der Dienst ist sowas wie die Statusmeldung in AIM oder die Mood-Message in Skype, nur dass das ganze in einer Art Blog dargestellt wird. Ich habe 140 Zeichen pro Nachricht, um zu schreiben was immer ich will. Die wenigsten schreiben ausschließlich, was sie gerade machen. Viele posten URLs zu interessanten Diskussionen oder lustigen Videos. Man kann die Nachrichten entweder im Web lesen oder schreiben oder per SMS auf dem Handy empfangen oder schreiben. Dazu gibt es inzwischen einige Tools, die das ganze aus dem Web auf den Rechner holen. Ich nutze Twitterrific.

Nach zwei Monaten, die ich jetzt Twitter nutze, will ich mal ein paar Thesen aufstellen, warum das Ding aus meiner Sicht gerade so abgeht:

  • Erstmal war ich gerade überrascht, als ich festgestellt habe, dass ich tatsächlich schon seit zwei Monaten Twitter nutze. Als ich mich Anfang Januar angemeldet habe hielt ich Twitter für das nächste Web-2.0-Spielzeug, das ich für eine Woche nutzen würde und dann nicht mehr. Nun sind zwei Monate vorbei und ich halte es immer noch für ein Spielzeug, aber für eins, das irgendwie verdammt Spaß macht.
  • Twitter ist insbesondere in der Web-2.0-Community von San Franzisko eingeschlagen. Dort scheint Twitter mehr und mehr als Kommunikationstool für die Community genutzt zu werden. Ständig liest man: „Gehen jetzt zu blabla-Bar, falls jemand vorbeischauen möchte…“ Auch wenn es auf den ersten Blick nicht dafür geeignet scheint, so wird Twitter auch immer häufiger neben der 1-to-many- für die 1-to-1-Kommunikation bzw. Diskussion genutzt, auch wenn alle dabei mitlesen können. Es ist einfach extrem schneller als ein Blogpost. Es ersetzt damit praktisch Kommentardiskussionen auf Blogs.
  • Der Rest der Welt, würde ich behaupten, ist deswegen bei Twitter, um zu sehen, was die „Helden“ in Frisko so tun. Das ist zumindest für mich ein nicht geringer Faktor. Ich meine, ich lese den ganzen Tag Blogartikel, höre Podcasts und benutze die Webapps von diesen Leuten. Da will der kleine Voyeur in mir doch gerne auch mal wissen, was die den ganzen lieben langen Alltag so beschäftigt. Mir ist relativ egal, wann z.B. Robert Scoble kacken geht, aber mit welchen Themen er seinen Alltag verbringt und wo er so rumschippert interessiert mich schon. Oder Leo Laporte, von dem ich ein großer Fan bin. Wann nimmt er eigentlich die tausend Podcasts auf, die er pro Woche zu produzieren scheint? Der Produktivitätsfreak in mir ist ein ausgemachter Voyeur, weil er denkt, dass er von erfolgreichen Leuten noch was lernen kann. Deswegen liebe ich auch flickr-Bilder vom Arbeitszimmer oder was die Leute so in ihren Taschen rumtragen etc. Ich finde die Frage „Wie leben eigentlich andere Leute?“ spannend, das gebe ich gerne zu. Und Twitter liefert mir die Antwort.
  • Nachtrag: Während ich so drüber nachdenke fällt mir der weiter unten erwähnte Vortrag von Kevin Rose (Gründer von digg) ein. Er meinte, dass die wichtigsten Features bei digg zur „selfexpression“ dienen, also alles, was einem User dabei hilft sich selbst auszudrücken und darzustellen. Deswegen kann man bei digg z.B. seine favorisierte Story prominent im eigenen Profil hervorheben. „Selfexpression“ ist wohl auch das Killerfeature für Twitter. Eigentlich geht’s um nichts anderes.

Im Moment macht mich Twitter allerdings eher traurig, weil scheinbar wirklich jeder außer mir in Austin bei SXSW ist.

Was mir an der „deutschen Sicht“ auf Twitter mal wieder auffällt, ist unsere komplette Unfähigkeit zu spielen. Wir hören von Twitter, schlagen die Hände über dem Kopf zusammen ob des Verlustes unsrer Privatsphäre und fragen als nächstes, wie sich damit den bitte schön Geld verdienen lassen sollte. Deswegen sind deutsche Web-2.0-Applikationen in der Regel auch Kopien von mehr oder weniger erfolgreichen Applikationen aus der USA. Ich empfehle zu diesem Thema die FOWA-Vorträge von Mike Arrington, Tara Hunt und Kevin Rose. Wo wir gerade beim Podcastsempfehlen sind, hier ist eine Ausgabe von net@nite mit einem Interview mit Evan Williams.

Ach so, für meine Stalker: twitter.com/jkleske

Update: Kaum veröffentliche ich meine Gedanken zu Twitter tut Ross Mayfield es auch und natürlich viel tiefgehender. Erfahren habe ich davon, richtig, per Twitter ;-)

UPLOAD-Blogstöckchen: Wie bloggst du?

Schon komisch, wenn man ein Stöckchen zugeworfen bekommt, wozu man selbst die Inspiration geliefert hat. Jan vom UPLOAD-Magazin hat aus meinem Einweihungsgeschenk ein Blogstöckchen gemacht und fragt, wie bei einem ein neuer Blogartikel entsteht bzw. welche Tools man dafür einsetzt. Ich ergänze hier mein ursprünglichen Artikel noch ein bisschen, um dann ohne schlechtes Gewissen das Ding ein paar anderen an den Kopf zu werfen.

Quellen

Ich lebe praktisch von Feeds, d.h. von den Inhalten eines Blogs oder sonstiger Webseite, die mein Feedreader auslesen kann, ohne dass ich jede Webseite einzeln besuchen muss. Derzeit benutze ich zwei Feedreader:

  • Netnewswire enthält alle Quellen, die ich in der Regel ganz lese und nicht nur scanne. Alles, was mir interessant erscheint oder ich für später aufheben will, übertrage ich mit einem AppleScript in meine DevonThink-Datenbank.
  • Google Reader nutze ich für alle anderen Feeds, weil es mit dem Ding unglaublich einfach ist, eine Menge Inhalte schnell zu überfliegen, ohne ständig klicken zu müssen.

Schreiben und Verwalten

Wie bereits geschrieben ist ecto das Tool meiner Wahl, um meine Blogartikel zu schreiben und zu verwalten. Ecto war eines der erste Tools in diesem Bereich und wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum ich es bis heute nutze. Mit ecto kann ich:

  • mehrere Blogs in einer Anwendung verwalten.
  • meine Artikel grob auf Rechtschreibung checken.
  • easy Amazon-Links einbauen.
  • Bilder einbinden und sie automatisch so formatieren lassen, wie sie auf mein Blog am besten passen.
  • vor allem Artikel auch offline schreiben, um sie später zu veröffentlichen, wenn ich wieder online bin.

Ich schreibe allerdings in der Regel nicht direkt in ecto sondern rufe dazu WriteRoom auf. Das blendet alle Ablenkungen aus und hilft mir, mich komplett auf den Text zu konzentrieren. Ich nutze das Tool inzwischen sogar für Dinge wie E-Mails etc.

Du bisch

Dann hol ich mal aus und werfe in folgende Richtungen:

Oh, hab ich eigentlich erwähnt, dass es was zu gewinnen gibt?

Die Lebenspraktikanten – Episode 1 von Wir nennen es Arbeit

„Wir müssen uns darauf einstellen, nicht mehr ein Berufsleben lang nur für einen Arbeitgeber zu arbeiten oder sogar nur einen Beruf auszuführen.“ Diese Aussage liest man so oder in ähnlicher Form in den letzten Jahren immer wieder, wenn es um die Veränderungen in der Arbeitswelt geht. Was das in der Realität bedeutet, können sich die meisten, die diese Aussage von sich geben, wahrscheinlich gar nicht wirklich ausmalen. Wer in den letzten Jahren aus der Ausbildung/dem Studium in „den Beruf“ eingestiegen ist, hat live diesen Wandel mitbekommen und ist in der Regel Teil der Generation Praktikum. Wie deren Lebensalltag aussieht hat Nikola Richter nun ausführlich in ihrem Buch “Die Lebenspraktikanten.” beschrieben.

Das Buch beschreibt in Episoden das Leben von einigen jungen Menschen, die alle ihr Studium beendet haben und versuchen, in der Arbeitswelt Fuß zu fassen. Sie machen Praktika, wo immer sie können. Sie reisen für Jobs um die ganze Welt. Sie sind für jede kurzzeitige Stelle dankbar. Sie sind Experten in der Gestaltung ihres Lebenslaufs, im Networking und im Anpassen. Helfen tut ihnen das alles nichts. Die Personen und die konkreten Geschichten sind Fiktion, soweit ich das verstanden habe, aber ihnen liegen die wahren Erlebnisse von Richter und ihrer Generation zu Grunde.

Das Buch liest sich nicht wirklich wie ein spannender Roman oder ähnliches. Dafür sind die Charaktere und Geschichten viel zu sehr darauf getrimmt, die Merkmale und typischen Erlebnisse der Lebenspraktikanten zu vermitteln. Das Buch will nicht unterhalten, es will ein aufrüttelndes Bild vom Leben der Berufseinsteiger malen.

Man fühlt sich während des Lesen die ganze Zeit irgendwie unwohl und unruhig. Mir schwebten ständig die Fragen im Kopf herum „Warum lasst ihr das mit euch machen? Warum steigt ihr nicht aus?“ Insofern ist das Buch quasi die Einführung oder Episode 1 von “Wir nennen es Arbeit” (Holm Friebe, Sascha Lobo), weil es sehr emotional vermittelt, wovon sich die digitale Bohème abgewendet hat. In dem Zusammenhang fällt mir auf, dass es wahrscheinlich ein ideales Geschenk für die Eltern von Berufseinsteigern oder -aussteigern ist, um ihnen ein reales Bild vom heutigen Berufsleben der Generation Praktikum zu vermitteln, dass doch deutlich anders aussieht als zur Zeiten der Eltern und das diese deswegen meist nur schwer nachvollziehen können.

Als ich gestern die letzten Kapitel las wurde mir endlich klar, was mich schon die ganze Zeit unbewusst störte: keiner der Protagonisten wurde von irgendeiner Leidenschaft oder Berufung angetrieben, die sie gerne im Beruf ausleben würden. Niemand hatte eine Vision, für die er sich begeistern konnte, etwas, dass ihn ausmacht und von der Masse unterscheidet. Es scheint so, als wären alle individuellen Wünsche und Träume in der langen Zeit von Schule und Studium ausgemerzt worden. Hauptsache man funktioniert im System. Alle sind Experten im Präsentieren, Recherchieren, Computer bedienen, Protokollieren, Telefonieren, Organisieren und Koordinieren aber niemand hat ein Spezialthema oder besonderes persönliches Interesse. Und das scheint bewusst so zu sein, denn so etwas würde einen für mehr Jobs disqualifizieren als für andere Jobs aus der Masse herauszuheben. So werden eigene Interessen, die über eine bestimmte Tätigkeit hinausgehen, aus dem eigenen Profil ausgemerzt.

Wahrscheinlich habe ich das erst so spät im Buch begriffen, weil ich halt zuerst Wir nennen es Arbeit gelesen habe und damit schon die ganze Zeit eine Lösung parat hatte, die sich den Charakteren aber gar nicht bietet, weil ihnen die Vorstellung davon etwas eigenes zu machen komplett fehlt.

Im Moment befinden wir uns mitten im Wandel vom alten Berufsbild zum neuen. Das Ergebnis ist die Generation Praktikum, die noch nach dem alten Bild ausgebildet wurde, aber schon nach dem neuen Bild funktionieren muss. Wie das praktisch aussieht lässt sich bei den Lebenspraktikanten anschaulich nachlesen. Die Frage ist, wo das in näherer Zukunft hinführt. Wie lange werden die Berufseinsteiger noch mitspielen/sich ausbeuten lassen? Wieviele werden irgendwann aussteigen und ihr eigenes Ding machen? Wie lange kann unsere Wirtschaft noch so funktionieren?

Die neuen Spießer – Ein Buch über die Neue Bürgerlichkeit

Ich bin sensibler geworden, und zwar für vage Aussagen ala „Früher war es besser“ oder „Es wird immer schlimmer“. Immer wenn in meinem Umfeld solche eine pauschale Aussage fällt oder sie mir selbst rausrutscht zucke ich innerlich zusammen. „Moment mal, worauf genau bezieht sich dein früher? Meinst du die Neunziger, das letzte Jahrhundert oder das Mittelalter?“ „Was genau war früher besser und an welchen empirischen Zahlen machst du es fest, dass dieser Sachverhalt heute schlechter geworden ist? Wie definierst du in diesem Zusammenhang besser und schlechter?“

Meine neue Sensibilität ist noch ganz frisch, sie hat sich eigentlich erst zum Ende des letzten Wochenende entwickelt. Verantwortlich dafür ist das Buch“Die neuen Spießer. Von der fatalen Sehnsucht nach einer überholten Gesellschaft” (Christian Rickens), das ich zu dem Zeitpunkt mit großer Begeisterung gelesen habe.

Christian Rickens geht in dem Buch mit der neuen Bürgerlichkeit hart ins Gericht. Die neue Bürgerlichkeit beschreibt eine Welle von konservativen Autoren, die über Themen wie den demographischen Wandel, den Wertverfall, dem Zusammenbruch der Familie. die Unterschicht, Patriotismus, Ausländer und den Ökowahn schreiben und praktisch eine Rückkehr in die fünfziger Jahre fordern. Zu diesen Autoren gehören Eva Herman, Frank Schirmacher, Peter Hahne, Udo Di Fabio und einige andere. Rickens nimmt sich jedem genannten Thema an und stellt den pauschalen, reißerischen Aussagen der Neubürgerlichen empirische Zahlen, wissenschaftliche Untersuchungen und umfassende Analysen entgegen, die die Thesen der Neubürgerlichen weitgehend als eins entlarven: „reaktionäres Stammtischgequatsche in pseudointerlektueller Verpackung“, die vor allem von Angst zeugen, Angst vor der Zukunft, Angst vor Veränderungen.

Rickens schafft es hervorragend, nicht nur die Thesen der Neubürgerlichen sauber zu zerlegen, sondern er beschäftigt sich auch mit der Frage, warum die Neue Bürgerlichkeit gerade soviel Zuspruch erfährt und schafft damit mehr als eine wütende Antwort auf polemische Aussagen. Auch sehr beeindruckend ist sein Abschlusskapitel, in dem es ihm gelingt sauber auszudifferenzieren, wer mit der Neuen Bürgerlichkeit gemeint ist und in dem er sich selbst als Spießer outet (er ist gegen die Veränderung der Veränderung).

Es hat wirklich extrem Spaß gemacht das Buch zu lesen und ich beobachte beeindruckt, wie es mich in kurzer Zeit in meiner Wahrnehmung verändert hat. Ich möchte das Buch insbesondere meiner christlichen Bekanntschaft empfehlen, weil nach meiner Beobachtung gerade wir Christen besonders anfällig für die Thesen der Neubürgerlichen sind. Bisher haben wir uns nicht gerade mit Differenziertheit und ausgewogenem Umgang mit wichtigen gesellschaftlichen Themen bekleckert. Seien wir also wenigstens diesmal vorsichtig, nicht wieder auf „Prediger“ reinzufallen, deren Aussagen scheinbar irgendwie in unser Weltbild zu passen scheinen. Vielleicht können wir von Rickens ja sogar lernen unser Weltbild mal etwas genauer zu reflektieren und uns zu fragen, was hinter unseren pauschalen Thesen steckt. Ein bisschen Sensibilität hat noch niemandem geschadet.

Mein Blog und mein Umfeld – Ein paar lose Gedanken

„Ein Prophet gilt nichts im eigenen Land.“ heißt es in der Bibel. An diesen Vers muss ich manchmal scherzhaft denken, wenn ich beobachte, wie wenig mein Blog in meinem direkten Umfeld gelesen wird. Gerade im Zuge meiner Veränderungen-Serie fiel mir das mal wieder massiv auf. Nur meine besten Freunde sprachen mit mir über die Dinge, die ich schrieb. Aber sie wussten sowieso bescheid, weil viele Gedanken eh aus dem Gespräch mit ihnen entstanden. Aber der Rest meines Umfelds scheint mein Blog weitgehend nicht zu lesen oder sie lassen es sich zumindest nicht anmerken. Das Verhältnis beim Feedback auf die Veränderungen-Serie von Leuten, die ich persönlich kenne zu Leuten, die ich noch nicht getroffen habe war ca. eins zu sieben oder acht.

Für mich ist das erstmal ganz wertneutral. Mein Umfeld liest bis auf wenige Ausnahmen mein Blog nicht. Das hat zunächst mal einen großen Vorteil: Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, kann ich erzählen, was ich schon im Blog geschrieben habe, ohne dass mir die Person mit den Satz „Jaja, das habe ich schon in deinem Blog gelesen.“ ins Wort fällt. Wenn ich so drüber nachdenke fällt mir auf, dass mir das früher noch häufiger passiert ist. Ich weiß noch, dass ich mich irgendwann entschied, nicht mehr so viel persönliches in mein Blog zu schreiben, damit ich meinem Umfeld noch etwas zu erzählen hatte und nicht ständig obige Aussage zu hören bekam. Inzwischen habe ich den Satz schon lange nicht mehr gehört und ich finde es interessant mal drüber nachzudenken, warum das so ist.

Mein Umfeld liest also weitgehend mein Blog nicht. Woran könnte das liegen? Interessieren sich die Leute vielleicht nicht so sehr für die Themen, die ich schreibe? Mir fällt auf, dass es auf meinem Blog zwei Arten von Lesern gibt: die, welche sich für irgendeines der Themen interessieren, über die ich schreibe und die, welche mich entweder kennen oder mich über mein Blog kennengelernt haben. Die erste Gruppe kommentiert bei den Themen, die sie interessieren. Die zweite Gruppe begreift mein Blog mehr als ein Kommunikationsmittel mit mir und kommentiert bei fast allem, was ich schreibe. Sie fragen z.B. auch nach, wenn sie ein Thema nicht verstehen usw. Könnte es sein, dass mein Umfeld sich einfach noch schwer tut mit dem Kommunikationsmittel Blog?

Manchmal frage mich auch, ob es meinem Umfeld schwer fällt, den virtuellen Johannes mit dem realen Johannes in ihrem Kopf zu einer Person zusammenzufügen. Vielleicht kommt ihnen der Blogschreiber Johannes als eine andere Person vor, die sich anders ausdrückt als der reale Johannes, den sie z.B. im Café treffen. Meine Blogleser, die mich noch nicht persönlich kennen haben es da leichter. Sie kennen mich nur als Schreiber. Selbst, wenn sie mich dann persönlich kennenlernen ist mein Eindruck, dass es für sie nur die eine Person gibt. Mein Umfeld dagegen kennt mich in der Regel schon bevor es das erste mal mein Blog liest. Könnte es z.B. sein, dass man mich in eine bestimmte Schublade packt und diese dann nicht mehr passt, wenn man mein Blog liest? Mir fällt es meist leichter Dinge beim schreiben auszudrücken als im direkten Gespräch. Ich brauche in der Regel länger, um Sachverhalte und meine Meinung zu formulieren und am Ausdruck zu schrauben, weswegen mir das Blog hilft. Es passiert mir schon immer wieder, dass ich in einem Gespräche denke „Was war das denn jetzt schon wieder für ein seltsamer Satz? Das ist doch gar nicht meine Meinung.“ Insofern passt es, wenn mein Umfeld überrascht ist, wenn ich in meinem Blog vielleicht anders klinge als im Gespräch.

Diese Gedanken sind ein Grund dafür, warum ich ein Bild von mir auf mein Blog gepackt habe. Es soll helfen, die Aussagen in den Texten direkt mit meiner Person in Verbindung zu bringen, so als hätte ich sie dem Leser direkt gesagt.

Es ist auf jeden Fall interessant zu beobachten, wie sich neben meinem natürlichen Umfeld aus Freunden, Nachbarn und Bekannten ein zweites in meinem Blog gebildet hat. Viele meiner Blogleser kenne ich nicht persönlich bzw. nur aus den Kommentaren. Trotzdem kommuniziere ich regelmäßig mit ihnen und freue mich insbesondere, wenn jemand durch ein Treffen aus dem virtuellen in das reale Umfeld wechselt, zumindest solange die Person dann nicht aufhört mein Blog zu lesen.

Bücher für die digitale Bohème

War die Woche mal wieder oldschool im Buchladen und hab gestöbert. Erste Erkenntnis: Bei Geldmangel auf jeden Fall Buchläden meiden. Das geht nie gut. Ich verliere einfach die Beherrschung und kaufe alles, was irgendwie etwas damit zu tun hat, was mich gerade interessiert. Diesmal waren es drei Bücher, die grob etwas mit der digitalen Bohème zu tun haben.

“Die neuen Spießer. Von der fatalen Sehnsucht nach einer überholten Gesellschaft” (Christian Rickens) liefert den argumentativen Unterbau, um sich als Teil der digitalen Bohème gegen die derzeit deutlich größere Strömung der Gesellschaft zur Wehr zu setzen: der neuen Bürgerlichkeit.

“Die Kunst des stilvollen Verarmens. Wie man ohne Geld reich wird” (Alexander von Schönburg) hilft dabei mit der Situation der sinkenden Einnahmen besser zurechtzukommen und ist im Prinzip ein Antikonsumbuch. Es hilft sowohl ideologisch als auch praktisch aus der Welt auszusteigen, wo man gerne mal „schön Essen geht“ und Geld hässlich macht.

“Die Lebenspraktikanten.” (Nikola Richter) ist ein Buch mit Geschichten aus einer zunehmenden Gruppe von jungen Erwachsenen, die nie Geld haben, nicht den einen Job wollen und sich wohl mit dem Begriff ‚Lebenskünstler‘ ganz gut beschreiben lassen.