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Weblog von Johannes Kleske

Die dunklen Seiten des Webs – Frauenbelästigung und Hexenjagd

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Ich stelle immer wieder fest, dass ich überhaupt keinen Schimmer habe, was man als Frau alles mitmachen muss. Wenn ich die Alltagsgeschichten von Freundinnen von mir höre wird mir jedes mal schlecht und ich bekomme große Lust manchen von diesen „Kerlen“ ihre äußerliche Identität als Mann zu rauben, damit die Erzählungen von ihren Taten mir nicht meine innere Identität als Mann rauben.

Aufschrei um Kathy Sierra

Ein ähnlicher Aufschrei geht gerade vor allem durch die amerikanische Blogosphäre. Kathy Sierra ist eine geniale Bloggerin und hat nun ihre Vorträge auf der ETech-Konferenz abgesagt, da sie sich bedroht fühlt. In ihrer Stellungnahme schreibt sie über Todesdrohungen und Diffamierungen. Nun schlägt ihr eine große Welle von Sympathiebekundungen entgegen.
Auch ich wollte mich schon einreihen und mich laut auskotzen über das, was da passiert ist. Allerdings habe ich doch inzwischen kapiert, dass man zumindest etwas genauer nachlesen sollte, bevor man sich auf eine Seite schlägt und die andere angreift. In den Kommentaren zu Sierra’s Artikel fand ich dann die vehementen Wortmeldungen von einem der Beschuldigten (in den Kommentaren nach „Joey“ suchen), die den Sachverhalt aus seiner Perspektive zeigen und in denen er sich bereit erklärt, sich selbst anzuzeigen, um die Sache aufzuklären. Plötzlich steht Aussage gegen Aussage und das ganze ist nicht mehr so leicht.

Hexenjagd

Das bringt mich ins Nachdenken. Ein einzelner, extrem emotionaler Artikel bringt einen Großteil der Blogosphäre in Aufruhr und startet eine Hexenjagd. Ich geb’s gerne zu: auch mein erster Gedanke nach Sierra’s Artikel war, dass ich da gerne mal ein paar Kastrationen vornehmen würde. Auch in der deutschen Blogosphäre haben wir schon immer wieder Hexenjagden erlebt, die dadurch entstanden, dass jeder einfach emotional vom anderen abgeschrieben hat, ohne dass jemand unabhängiges den Sachverhalt überprüft hat. Es kann gut sein, dass Sierra vollkommen recht hat und die Beschuldigten eine gerechte Strafe verdienen. Aber das kann ich nicht entscheiden, wenn ich nur ihren Artikel und/oder die der Sympathiebekundenden lese.

Ein dringend nötiger Aufschrei

Wenn ich so darüber nachdenke, glaube ich eigentlich nicht, dass der Aufschrei so groß ist, weil eine beliebte Bloggerin bedroht wird. Die eigentliche Bestürzung wird durch die vielen Frauen ausgelöst, die sich jetzt bei Sierra melden und von ähnlichen Erfahrungen berichten. Man bekommt den Eindruck, dass jede Frau, die schon einmal in irgendeiner Form etwas im Web veröffentlicht hat, und seien es nur ein paar Urlaubsbilder bei flickr, sich schon Anzüglichkeiten und Belästigungen gefallen lassen musste. Der Aufschrei richtet sich gegen das, wozu Männer/Jungs fähig sind, wenn sie sich hinter einem Bildschirm in ihrem dunklen Zimmer sicher fühlen. Dieser Aufschrei ist extrem wichtig und dringend nötig.

Zwei Lektionen ziehe ich für mich daraus:
1. Ich muss unbedingt lernen, extrem vorsichtig zu sein bevor ich jemanden aufgrund eines Blogartikels beschuldige. Quellenprüfung ist die wichtigste Lektion, die ich von Journalisten lernen sollte. „Seid langsam zum Zorn.“ heißt es in der Bibel.
2. Satire, Sarkasmus, Ironie und Witze im Sexbereich können lustig sein, bergen aber das immense Potential enorme Verletzungen anzurichten. Deswegen sollte ich jede Anspielung und jede Kritik zehnmal prüfen, ob sie gerechtfertigt, an der Sache orientiert und schlichtweg menschenfreundlich ist. „Die Zunge ist ein scharfes Schwert.“ heißt es in der Bibel und sie schneidet auch im Web.

Mehr zu der ganzen Geschichte bei Robert, Oli und Timo. Sehr zu empfehlen: The Unsinkable Kathy Sierra von Tara Hunt

Update: Sehr cool. Robert und Armin bringen für die deutsche Blogosphäre mehr Licht in die Sache und versuchen die Ereignisse zu entwirren. So lobe ich mir das.

Update2: Stephanie Booth hat ähnliche Bedanken wie ich, was die Hexenjagd angeht, drückt es nur viel ausführlicher und gekonnter aus. Mit Abstand das beste, was ich zu der ganzen Sache bisher gelesen habe. (via Twitter)

Update3: Doc Searls veröffentlicht eine E-Mail von einem der Opfer der Hexenjagd. (via Twitter)

Update4: Wow, gemeinsam veröffentlichte Statements von Kathy Sierra und Chris Locke zu der Sache, die beeindruckend zeigen was passieren kann, wenn man miteinander spricht.

Johannes Kleske

35, Co-Gründer von Third Wave, lebt in Berlin und denkt über leben und arbeiten im 21. Jahrhundert nach.

Twitter, Tumblr, flickr

12 Kommentare

  1. Hey Johannes. Frauen habes es im Netz nicht leicht, auch bei Flickr gibt es einige, welche sich regelmäßig Sachen anhörn müssen. Ich finde es gut, dass Du Dich selbst reflektierst und hier Deine Sicht offenlegst. Es ist relativ easy, 10 Worte rauszulassen, welche eine Einzelperson runtermachen, dagegen ist es unpopulär, genau hinzuschaun, wie Du sagst : “Quellenprüfung ist die wichtigste Lektion”. Wir reagiern gern schnell, vor allem dann, wenn wir grobe Ungerechtigkeit vor die Linse bekommen. Bild am Sonntag macht publik, was viele denken oder hören wollen. Quellenprüfung ist verdammt out, aber weise, wenns uns wirklich Tatsachen interessiern und nicht die Schlagzeilen.

  2. Hey Johannes. Frauen habes es im Netz nicht leicht, auch bei Flickr gibt es einige, welche sich regelmäßig Sachen anhörn müssen. Ich finde es gut, dass Du Dich selbst reflektierst und hier Deine Sicht offenlegst. Es ist relativ easy, 10 Worte rauszulassen, welche eine Einzelperson runtermachen, dagegen ist es unpopulär, genau hinzuschaun, wie Du sagst : “Quellenprüfung ist die wichtigste Lektion”. Wir reagiern gern schnell, vor allem dann, wenn wir grobe Ungerechtigkeit vor die Linse bekommen. Bild am Sonntag macht publik, was viele denken oder hören wollen. Quellenprüfung ist verdammt out, aber weise, wenns uns wirklich Tatsachen interessiern und nicht die Schlagzeilen.

  3. Hey Johannes. Frauen habes es im Netz nicht leicht, auch bei Flickr gibt es einige, welche sich regelmäßig Sachen anhörn müssen. Ich finde es gut, dass Du Dich selbst reflektierst und hier Deine Sicht offenlegst. Es ist relativ easy, 10 Worte rauszulassen, welche eine Einzelperson runtermachen, dagegen ist es unpopulär, genau hinzuschaun, wie Du sagst : “Quellenprüfung ist die wichtigste Lektion”. Wir reagiern gern schnell, vor allem dann, wenn wir grobe Ungerechtigkeit vor die Linse bekommen. Bild am Sonntag macht publik, was viele denken oder hören wollen. Quellenprüfung ist verdammt out, aber weise, wenns uns wirklich Tatsachen interessiern und nicht die Schlagzeilen.

  4. Das sind dummerweise nicht nur dumme Witze, das ist teilweise knallhartes Zeug. Als ich die Reitstiefel meiner damals 14jährigen Schwägerin (das schrieb ich natürlich nicht dazu) bei eBay versteigerte, fragte mich der Ersteigernde danach, ob die vorherige Besitzerin die nochmal anziehen könnte, richtig Pferdemist dranmachen und ich ein Foto von ihr in den Stiefeln dazulegen könne. Die Welt ist KRANK!

  5. Das sind dummerweise nicht nur dumme Witze, das ist teilweise knallhartes Zeug. Als ich die Reitstiefel meiner damals 14jährigen Schwägerin (das schrieb ich natürlich nicht dazu) bei eBay versteigerte, fragte mich der Ersteigernde danach, ob die vorherige Besitzerin die nochmal anziehen könnte, richtig Pferdemist dranmachen und ich ein Foto von ihr in den Stiefeln dazulegen könne. Die Welt ist KRANK!

  6. Das sind dummerweise nicht nur dumme Witze, das ist teilweise knallhartes Zeug. Als ich die Reitstiefel meiner damals 14jährigen Schwägerin (das schrieb ich natürlich nicht dazu) bei eBay versteigerte, fragte mich der Ersteigernde danach, ob die vorherige Besitzerin die nochmal anziehen könnte, richtig Pferdemist dranmachen und ich ein Foto von ihr in den Stiefeln dazulegen könne. Die Welt ist KRANK!

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  9. Guter Post, reflektiert auch was ich so dachte und warum ich versucht habe bei Robert zu helfen ein paar Sachen zu entwirren.

    Dieser spezielle Fall scheint nicht ganz klar zu sein und ich vermute es wird ein wenig dauern bis das alles entwirrt ist.

    Da kommen so viele verschiedene Probleme zusammen:

    Im Grunde ist dies eine Form des Bullying (nennt man in Deutschland glaube ich auch so?). Ich als Mann kann und will nicht beurteilen ob und wie Frauen da mehr von betroffen sind, ein Problem ist es fuer die Menschheit.

    Generell scheint die Diskussionskultur im Web einiges rabiater zu sein als im “real life” (ich hasse den Begriff, aber was besseres faellt mir gerade nicht ein). Von newsgroups ist das ja bekannt, aber das ganze hat auch in die Blogs uebergegriffen. Was z.B bei Little Green Footballs teilweise abgeht ist schon nicht mehr feierlich. Zu Zeiten des Golfkrieges habe ich auch ein paar Eintraege zu dem Thema geschrieben, ein paar der e-mails und Kommentare damals waren schon ganz schoen hart an der Grenze.

    Was in der Deutschen Blogosphere zur Zeit gerade bezueglich der “Kommerzialisierung” teilweise geschrieben wird halte ich auch fuer etwas seltsam und irgendwann wird da fuer so einige Leute (mich eingeschlossen) eine Grenze erreicht werden bei der sie sich fragen ob sie bei so etwas mitmachen und/oder mit so etwas assoziiert werden wollen.

    Du erwaehnst ja schon die Hexenjagden, noch viel schockierender finde ich die Kommentare auf Kathy’s blog a la “get a concealed weapons permit and shoot the f*****s”. Da schiessen die Leute die meinen ihr helfen zu wollen bei weitem ueber’s Ziel hinaus und diskreditieren das ganze.

  10. Guter Post, reflektiert auch was ich so dachte und warum ich versucht habe bei Robert zu helfen ein paar Sachen zu entwirren.

    Dieser spezielle Fall scheint nicht ganz klar zu sein und ich vermute es wird ein wenig dauern bis das alles entwirrt ist.

    Da kommen so viele verschiedene Probleme zusammen:

    Im Grunde ist dies eine Form des Bullying (nennt man in Deutschland glaube ich auch so?). Ich als Mann kann und will nicht beurteilen ob und wie Frauen da mehr von betroffen sind, ein Problem ist es fuer die Menschheit.

    Generell scheint die Diskussionskultur im Web einiges rabiater zu sein als im “real life” (ich hasse den Begriff, aber was besseres faellt mir gerade nicht ein). Von newsgroups ist das ja bekannt, aber das ganze hat auch in die Blogs uebergegriffen. Was z.B bei Little Green Footballs teilweise abgeht ist schon nicht mehr feierlich. Zu Zeiten des Golfkrieges habe ich auch ein paar Eintraege zu dem Thema geschrieben, ein paar der e-mails und Kommentare damals waren schon ganz schoen hart an der Grenze.

    Was in der Deutschen Blogosphere zur Zeit gerade bezueglich der “Kommerzialisierung” teilweise geschrieben wird halte ich auch fuer etwas seltsam und irgendwann wird da fuer so einige Leute (mich eingeschlossen) eine Grenze erreicht werden bei der sie sich fragen ob sie bei so etwas mitmachen und/oder mit so etwas assoziiert werden wollen.

    Du erwaehnst ja schon die Hexenjagden, noch viel schockierender finde ich die Kommentare auf Kathy’s blog a la “get a concealed weapons permit and shoot the f*****s”. Da schiessen die Leute die meinen ihr helfen zu wollen bei weitem ueber’s Ziel hinaus und diskreditieren das ganze.

  11. Guter Post, reflektiert auch was ich so dachte und warum ich versucht habe bei Robert zu helfen ein paar Sachen zu entwirren.

    Dieser spezielle Fall scheint nicht ganz klar zu sein und ich vermute es wird ein wenig dauern bis das alles entwirrt ist.

    Da kommen so viele verschiedene Probleme zusammen:

    Im Grunde ist dies eine Form des Bullying (nennt man in Deutschland glaube ich auch so?). Ich als Mann kann und will nicht beurteilen ob und wie Frauen da mehr von betroffen sind, ein Problem ist es fuer die Menschheit.

    Generell scheint die Diskussionskultur im Web einiges rabiater zu sein als im “real life” (ich hasse den Begriff, aber was besseres faellt mir gerade nicht ein). Von newsgroups ist das ja bekannt, aber das ganze hat auch in die Blogs uebergegriffen. Was z.B bei Little Green Footballs teilweise abgeht ist schon nicht mehr feierlich. Zu Zeiten des Golfkrieges habe ich auch ein paar Eintraege zu dem Thema geschrieben, ein paar der e-mails und Kommentare damals waren schon ganz schoen hart an der Grenze.

    Was in der Deutschen Blogosphere zur Zeit gerade bezueglich der “Kommerzialisierung” teilweise geschrieben wird halte ich auch fuer etwas seltsam und irgendwann wird da fuer so einige Leute (mich eingeschlossen) eine Grenze erreicht werden bei der sie sich fragen ob sie bei so etwas mitmachen und/oder mit so etwas assoziiert werden wollen.

    Du erwaehnst ja schon die Hexenjagden, noch viel schockierender finde ich die Kommentare auf Kathy’s blog a la “get a concealed weapons permit and shoot the f*****s”. Da schiessen die Leute die meinen ihr helfen zu wollen bei weitem ueber’s Ziel hinaus und diskreditieren das ganze.

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