Die neuen Spießer – Ein Buch über die Neue Bürgerlichkeit

Ich bin sensibler geworden, und zwar für vage Aussagen ala „Früher war es besser“ oder „Es wird immer schlimmer“. Immer wenn in meinem Umfeld solche eine pauschale Aussage fällt oder sie mir selbst rausrutscht zucke ich innerlich zusammen. „Moment mal, worauf genau bezieht sich dein früher? Meinst du die Neunziger, das letzte Jahrhundert oder das Mittelalter?“ „Was genau war früher besser und an welchen empirischen Zahlen machst du es fest, dass dieser Sachverhalt heute schlechter geworden ist? Wie definierst du in diesem Zusammenhang besser und schlechter?“

Meine neue Sensibilität ist noch ganz frisch, sie hat sich eigentlich erst zum Ende des letzten Wochenende entwickelt. Verantwortlich dafür ist das Buch„Die neuen Spießer. Von der fatalen Sehnsucht nach einer überholten Gesellschaft“ (Christian Rickens), das ich zu dem Zeitpunkt mit großer Begeisterung gelesen habe.

Christian Rickens geht in dem Buch mit der neuen Bürgerlichkeit hart ins Gericht. Die neue Bürgerlichkeit beschreibt eine Welle von konservativen Autoren, die über Themen wie den demographischen Wandel, den Wertverfall, dem Zusammenbruch der Familie. die Unterschicht, Patriotismus, Ausländer und den Ökowahn schreiben und praktisch eine Rückkehr in die fünfziger Jahre fordern. Zu diesen Autoren gehören Eva Herman, Frank Schirmacher, Peter Hahne, Udo Di Fabio und einige andere. Rickens nimmt sich jedem genannten Thema an und stellt den pauschalen, reißerischen Aussagen der Neubürgerlichen empirische Zahlen, wissenschaftliche Untersuchungen und umfassende Analysen entgegen, die die Thesen der Neubürgerlichen weitgehend als eins entlarven: „reaktionäres Stammtischgequatsche in pseudointerlektueller Verpackung“, die vor allem von Angst zeugen, Angst vor der Zukunft, Angst vor Veränderungen.

Rickens schafft es hervorragend, nicht nur die Thesen der Neubürgerlichen sauber zu zerlegen, sondern er beschäftigt sich auch mit der Frage, warum die Neue Bürgerlichkeit gerade soviel Zuspruch erfährt und schafft damit mehr als eine wütende Antwort auf polemische Aussagen. Auch sehr beeindruckend ist sein Abschlusskapitel, in dem es ihm gelingt sauber auszudifferenzieren, wer mit der Neuen Bürgerlichkeit gemeint ist und in dem er sich selbst als Spießer outet (er ist gegen die Veränderung der Veränderung).

Es hat wirklich extrem Spaß gemacht das Buch zu lesen und ich beobachte beeindruckt, wie es mich in kurzer Zeit in meiner Wahrnehmung verändert hat. Ich möchte das Buch insbesondere meiner christlichen Bekanntschaft empfehlen, weil nach meiner Beobachtung gerade wir Christen besonders anfällig für die Thesen der Neubürgerlichen sind. Bisher haben wir uns nicht gerade mit Differenziertheit und ausgewogenem Umgang mit wichtigen gesellschaftlichen Themen bekleckert. Seien wir also wenigstens diesmal vorsichtig, nicht wieder auf „Prediger“ reinzufallen, deren Aussagen scheinbar irgendwie in unser Weltbild zu passen scheinen. Vielleicht können wir von Rickens ja sogar lernen unser Weltbild mal etwas genauer zu reflektieren und uns zu fragen, was hinter unseren pauschalen Thesen steckt. Ein bisschen Sensibilität hat noch niemandem geschadet.

Veröffentlicht von

Johannes Kleske

Co-Gründer von Third Wave, lebt in Berlin, denkt nach über die Zukunft von Arbeit, Stadt und Kommunikation, mag sowohl guten Kaffee als auch guten Tee. Newsletter, Twitter, LinkedIn, Xing

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