mehr Gedanken zur Veränderungen-Serie

  • Ich höre immer wieder Kommentare wie „Du krempelst dein ganzes Leben um.“ oder „Ganz schön krasse Veränderungen“. Für mich fühlt sich das gar nicht so an. Ja, ich ändere einige grundsätzliche Richtungen, in die ich gehe. Aber größere Änderungen sind mir noch nie schwer gefallen. In der Regel passieren sie, wenn ein längerer Prozess aus meinem Hinterkopf an die Oberfläche tritt. Ich vermute, dass es sich für mein Umfeld und meine Leser nach einer sehr fundamentalen Veränderung anfühlt, weil ich zum ersten Mal so ausführlich über eine Veränderung schreibe. Es gibt aber immer noch genug Dinge in meinem Leben, die sich nicht verändern. Ich bleibe in Karlsruhe, ich bleibe bei Kubik, ich arbeite weiter hauptsächlich im Web. Ich versuche konstant mein Leben besser daran anzupassen, wie ich denke, dass ich funktioniere und es für mich am besten passt. Das ist ein Prozess und keine plötzliche Entscheidung.
  • Man könnte mich missverstehen, dass ich nur noch das arbeiten möchte, wozu ich Lust habe. Dem ist nicht so. Für mich gibt es einen großen Unterschied zwischen Arbeit, wozu ich Lust habe und Arbeit, die mich ausfüllt bzw. die mit meinen Begabungen und Berufungen im Einklang steht. Lust ist etwas sehr situationsbedingtes. Mal ist sie da, mal nicht und sie wechselt ständig ihre Bedürfnisse. Würde ich nach dem Lustprinzip arbeiten, würde mein Alltag wahrscheinlich so aussehen, wie sich viele Angestellten den Arbeitstag eines Selbstständigen vorstellen: Ewig im Bett faulenzen, vom Bett zum Fernseher, vom Fernseher zum Computer und ein bisschen spielen, zwischendurch mal ein bisschen Kundenarbeit, dann erstmal in ein Café setzen und dann noch mal ein bisschen in Photoshop basteln, bevor man mit seinen Kumpels die Nacht durchfeiert. Ich stehe morgens zwischen sechs und sieben auf, dusche, ziehe mich ordentlich an, frühstücke und setze mich dann zwei Stunden an den Rechner, um zu schreiben. Danach geht’s zu einem meiner Internet-Asyle, wo ich bis abends an verschiedenen Web-Projekten arbeite. Zwischendurch treffe ich mich mit Leuten oder gehe einkaufen. Abends wird in der Regel gechillt, bevor es relativ früh ins Bett geht, damit ich morgens wieder fit bin. So sieht derzeit mein Alltag aus. Ich würde wirklich gerne länger schlafen oder mehr chillen oder im NUN nicht ständig hinter meinem Notebook hängen. Aber wenn ich meine Arbeit hinbekommen möchte, muss ich mich selbst disziplinieren, weil es kein Chef oder Firmenalltag für mich machen wird. Das alles hat wenig damit zu tun, nur das zu arbeiten, wozu ich Lust habe. Es hat aber damit zu tun, dass mir die Disziplin hilft, die Arbeit zu tun, die mich ausfüllt.
  • Ein Freund hat mich gefragt, ob ich denke, dass es in unsrer Gesellschaft möglich wäre, dass jeder nur die Arbeit verrichtet, die er gerne tun möchte. Für mich fängt das Problem schon da an, dass wir in der Regel gar nicht genau wissen, was wir gerne tun würden, wenn wir alle Freiheit hätten. Wir werden vom Elternhaus, der Schule und der Uni darauf getrimmt, in dieser Arbeitswelt zu funktionieren. Wir lassen uns so lange schleifen, bis wir reinpassen, und bei diesem Prozess verlernen wir zu erkennen, was wir tatsächlich gerne machen. Ich habe schon einmal geschrieben, dass das Buch ‚Wir nennen es Arbeit‘ auch deshalb für mich so wichtig ist, weil es einfach nur mal eine Alternative zum akzeptierten Standard darstellt, selbst wenn die Alternative beileibe nicht für jeden das richtige ist. Neulich habe ich mich mit meinem Bruder über die Gedanken der Politik zum Bürgergeld unterhalten. Die Idee dabei ist, dass jeder Bürger ein festes Grundeinkommen erhält, völlig unabhängig davon, ob er arbeitet oder nicht. Jeder, der davon hört, denkt sofort „Dann werden sich 50 – 80% den ganzen Tag nur noch vor den Fernseher setzen.“ Wahrscheinlich stimmt das. Aber das liegt doch nicht daran, dass der Fernseher die Lieblingsbeschäftigung der meisten in unsrer Gesellschaft ist. Das liegt doch eher daran, dass wir nie gelernt haben für uns herauszuarbeiten, wo wirklich unsere Stärken, Begabungen und Berufungen sind. Ich zweifle an dem Erfolg des Bürgergelds, weil damit es funktioniert, wir eine viel fundamentalere Veränderungen unsrer Gesellschaft brauchen als nur einen Neuanfang des Sozialsystems. Unser komplettes Verständnis von Arbeit und Selbstverwirklichung müsste überarbeitet werden, was grundsätzliche Veränderungen z.B. des Ausbildungssystems mit sich bringen würde. Bevor so etwas in Deutschland passiert, müssten wir erst aus unser ängstlichen Haut raus.
  • Auch wenn ich mit Agenturen allgemein scharf ins Gericht gegangen bin, so möchte ich doch noch mal klarstellen, dass es für mich nicht heißt, dass ich nie mehr für eine Agentur arbeiten werde. Ich denke, ich habe in dem Artikel klar gemacht, wo für mich die Knackpunkte liegen, die mir die Zusammenarbeit schwer machen. Aber auch in der Agenturenlandschaft gibt es erfreuliche Ausnahmen und fähige Menschen, die außerhalb der bekannten Box denken. Für solche Agenturen arbeite ich natürlich gerne. Leider habe ich noch nicht viele von denen kennengelernt. Das gilt übrigens auch für meine Arbeit als Konzepter, um den Gedanken aus dem Artikel noch einmal aufzugreifen und zu unterstreichen. Ich halte mich nicht für völlig unfähig als Konzepter und denke durchaus, dass mir die Arbeit Spaß macht. Was mir den Spaß versaut sind 10-Stunden-Tage in kahlen Büroräumen mit eisernen Verantwortungshierarchien, um Reisebüro XY ein niedliches Weihnachtsgewinnspiel mit Flashvideo zu zaubern. Ich freue mich ja, dass der Web-2.0-Hype wieder für ordentlich Aufträge bei den Agenturen sorgt. Aber ich mag mich nicht für den Hype und ein gefülltes Konto opfern.

Veröffentlicht von

Johannes Kleske

Co-Gründer von Third Wave, lebt in Berlin, denkt nach über die Zukunft von Arbeit, Stadt und Kommunikation, mag sowohl guten Kaffee als auch guten Tee. Newsletter, Twitter, LinkedIn, Xing