Veränderungen Teil 2 – Mein Rhythmus

Als ich wieder in Karlsruhe war mit der Perspektive vorerst nicht mehr nach Berlin zu fliegen und der Druck der Arbeit weg war fiel eine monatelange Anspannung von mir, die ich vorher gar nicht wahrgenommen hatte. Ich hatte seit Juli komplett durchgepowert. Grundsätzlich macht mir Stress nichts aus. Ich kann gut unter Druck arbeiten und lasse mir eigentlich immer eine Deadline geben, wenn ich will, dass etwas wirklich fertig wird. Das entscheidende ist aber, dass ich das nach meinem eigenen Rhythmus machen muss. Der Gedanken, acht Stunden im Büro zu sitzen, was man in Agenturen ohne weiteres auf mindestens zehn Stunden verlängern muss, hat mir schon immer Angst gemacht, weil ich genau weiß, dass ich das einfach nicht kann. Auch um dem zu entgehen habe ich mich selbstständig gemacht. Trotzdem sah meine Arbeit im Herbst des letzten Jahres so aus, dass ich alle paar Wochen nach Berlin geflogen bin und dort in der Regel mindestens zehn Stunden in einem Büro saß. Und auch wenn das Büro der Agentur sehr stylisch ist und die Arbeit mit den Leuten dort eher locker und entspannt, so war es doch nicht mein eigener Rhythmus.

Mir fällt es schwer, mich länger auf eine Sache zu konzentrieren, insbesondere, wenn ich sie nicht besonders spannend finde oder sie nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört. Die Konzentrationsschwäche nimmt über den Tag noch zu. Deswegen arbeite ich gerne an verschiedenen Projekten gleichzeitig, weil dadurch schnelle Wechsel möglich sind. Ich kann mich immer wieder auf etwas anderes konzentrieren. Dabei hilfreich sind auch die Ortswechsel, die ich neulich schon angesprochen habe. Auch sie helfen mir die Arbeit spannend zu halten. Um so viel wie möglich zu schaffen, fang ich möglichst früh mit den wichtigsten Aufgaben an, damit ich so viel wie möglich erledigt bekomme, bevor der Konzentrationsverlust einsetzt. Das ist im Prinzip, wie ich zurzeit funktioniere und der Rhythmus, nachdem ich produktiv arbeiten kann.

In Berlin fing kein Arbeitstag vor zehn Uhr an und wurde selten vor acht Uhr abends beendet. Damit lag die Hauptphase in den Nachmittagsstunden, in denen bei mir in der Regel kaum noch was geht. Durch die Bürosituation bzw. das Zusammensitzen war es auch kaum möglich einfach mal den Ort zu wechseln, gerade weil man als Projektmanager ständig Fragen beantworten und auftauchende Probleme lösen muss. Insofern ist konzentriertes Arbeit sowieso schwer.

Ich habe also im Prinzip seit Juli 2006 nach dem Rhythmus von anderen statt meinem eigenen gearbeitet. Dazu kam, dass ich mich schon immer in der Rolle des Projektmanagers nicht wirklich wohl gefühlt habe. Wie sehr mich diese Zeit ausgebrannt hat merkte ich erst als sie vorbei war. Als die Entscheidung gefallen und ich wieder in meiner Wohnung in Karlsruhe saß klappte ich praktisch zusammen. Nichts ging mehr. Ich saß vor dem Rechner und wollte nur ein paar Mails beantworten. Aber ich konnte einfach nicht anfangen. Ich war völlig platt. Nenn es Burnout, nenn es Erschöpfungsdepression oder wie auch immer. Es war höchste Zeit gewesen auszusteigen. Also stellte ich meine E-Mail-Accounts auf Auto-Respond und hörte in der Woche vor Weihnachten komplett auf zu arbeiten. Ich schlief nur noch, schaute Filme und Serien und traf mich mit Freunden. Für die Weihnachtswoche vergaß ich meine Arbeit komplett und gönnte mir eine dicke Auszeit.

Veröffentlicht von

Johannes Kleske

Co-Gründer von Third Wave, lebt in Berlin, denkt nach über die Zukunft von Arbeit, Stadt und Kommunikation, mag sowohl guten Kaffee als auch guten Tee. Newsletter, Twitter, LinkedIn, Xing

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