Auf Entzug

Als jemand, der es gewohnt ist eigentlich ständig im Netz zu sein ist es immer wieder eine spannende Selbsterfahrung, wenn man plötzlich „von der Welt abgeschnitten“ ist. Mir geht es gerade mal wieder so. Anfang Januar bin ich aus meiner zu großen und zu teuren Wohnung ausgezogen und zu einem Freund in die Südstadt Karlsruhes gezogen. Die Wohnung ist super, mein Zimmer ist inzwischen komplett eingerichtet und schon jetzt fühle ich mich zehnmal wohler als in der alten Wohnung. Ich war im Januar viel mit dem Umzug, dem Auflösen der alten Wohnung und dem Einrichten der neuen beschäftigt. Dazwischen habe ich viel entspannt und viel über meine nächsten Schritte beruf-/berufungsmäßig nachgedacht. Nun bin ich bereit wieder voll loszulegen. Das einzige Problem: Wir warten noch auf den DSL-Anschluss.

Es ist ja ein bekanntes Phänomen, dass man erst merkt, welche große Rolle etwas spielt, wenn es nicht mehr da ist. Mir geht das jedes Mal so, wenn ich daheim keinen Internetzugang mehr habe. Meine Arbeits- und Verhaltensweisen basieren so massiv auf der ständigen Verfügbarkeit des Internets, dass mein Leben einfach ein anderes ist, wenn das nicht der Fall ist.
Und so habe ich derzeit eine perfekt eingerichtete Wohnung mit brandneuer Senseo, einem großen Bildschirm, gemütlicher Couch und allem sonst, was ich zum produktiv Arbeiten brauche und bin trotzdem nie daheim, weil ich immer irgendwo Internet-Asyl suche, in der Regel im NUN oder bei Daniel.

Hm, wenn ich so über die Problematik nachdenke, frage ich mich natürlich, warum ich mich eigentlich beschwere. Ich bin doch sonst so ein großer Fan davon im Café zu arbeiten. Das stimmt auch. Aber ich sitze nur ungern zehn Stunden im Café. Außerdem macht das NUN erst um elf Uhr auf, meine produktivste Zeit fängt aber um acht Uhr morgens an.
Meine derzeitige Idealvorstellung ist die Mischung, die mich durch Abwechslung konzentriert hält. Morgens konzentriert daheim texten und kreativ arbeiten. Mittags ins Café, Leute treffen, Informationen sammeln, Quellen checken und Webseiten basteln.

Aber manchmal frage ich mich, um ehrlich zu sein, ob ich mir da nur was einrede und mir mal wieder ein Idealszenario aufbaue, was ich gerade nicht haben kann und ich somit aber eine Ausrede habe, nichts geschafft kriegen zu müssen.

Egal, ich plane dann mal, was ich noch im Web erledigen muss, unter anderem diesen Artikel veröffentlichen. Dann geht’s gleich los. Aber vorher schmeiß ich noch mal schnell die Senseo an.

Veröffentlicht von

Johannes Kleske

Co-Gründer von Third Wave, lebt in Berlin, denkt nach über die Zukunft von Arbeit, Stadt und Kommunikation, mag sowohl guten Kaffee als auch guten Tee. Newsletter, Twitter, LinkedIn, Xing

2 Gedanken zu „Auf Entzug“

  1. Ab und an mal weg von der Leine ist gar nicht so verkehrt. Ich merke immer wieder, dass die produktivsten Phasen nicht notwendigerweise jene sind, in denen augenscheinlich alle Rahmenbedingungen top sind, sondern eher jene, welche ein wenig die Kreativität antreiben. Und das schaffen viele Situationen besser als eine inter-vernetzte.

    Also nur nicht traurig sein. Trotz Senseo.

  2. Ab und an mal weg von der Leine ist gar nicht so verkehrt. Ich merke immer wieder, dass die produktivsten Phasen nicht notwendigerweise jene sind, in denen augenscheinlich alle Rahmenbedingungen top sind, sondern eher jene, welche ein wenig die Kreativität antreiben. Und das schaffen viele Situationen besser als eine inter-vernetzte.

    Also nur nicht traurig sein. Trotz Senseo.

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