Komplex…

…ist meine Antwort, wenn mich Leute fragen, wie London war. Ich bin immer noch dabei, für mich rauszufinden, wie London denn nun für mich war. Gut war es definitiv. Lehrreich ebenso. Während ich das hier anfange zu schreiben und darüber nachdenke, fange ich an mich zu fragen, warum ich eigentlich aus sowas immer mit einem Fazit und Resultat gehen muss. Kann ich die Zeit nicht einfach so für sich stehen lassen? Die guten Zeit gut und die schlechten Zeiten scheiße sein lassen. Vielleicht sollte ich einfach nicht bewerten, ob sich die Zeit gelohnt hat, sondern einfach nur ein paar Geschichten erzählen.

Zum Beispiel von Vorurteilen. Ich gebe zu, ich habe eine Menge davon. Und eine große Anzahl beziehen sich auf Amis. Immerhin habe ich es in den letzten Monaten geschafft, diese schon mal soweit abzubauen, dass ich nicht die ganze USA für Großtexas halte. Trotzdem war ich eher kritisch, als klar war, dass ein Haufen Amis für die Woche nach London kommen würde. Ich ging automatisch davon aus, diese ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein mitbringen würden. Ich erwartete ungefragte Antworten zum EmergingChurch-Alltag und wie das Leben funktioniert. Noch ein Geständnis: Ich neige zu einer gewissen Arroganz, was Kubik und die europäische Emerging Church angeht. Ich denke gerne, dass wir schon viel mehr gecheckt haben. Entsprechend distanziert verhielt ich mich in den ersten beiden Tagen bis mir irgendwann auffiel, dass diese Amis (fast alle Texaner) irgendwie anders waren. Sie stellten Fragen, sie hörten zu, sie waren zurückhalten und sie zwangen sich niemals auf. Mehr und mehr stellte sich heraus, dass sie gekommen waren um zu lernen und zu dienen (und zwar uns und nicht ihrem Ego). Kurzum, ich habe in der vergangenen Woche sehr demütige Texaner kennengelernt. Tja, da geht es hin, mein Vorurteil. Als diese Erkenntnis durch meinen Dickschädel gedrungen war, stellte ich fest, dass ich dabei war zu dem zu werden, was ich von den Texanern erwartet hatte, arrogant und unwillig zu lernen. Ganz schön seltsam, wie sich sowas einschleicht. Die Erkenntnis kam zur rechten Zeit und somit wurde der Rest der selbigen wirklich schön.

Ken ist einer der Texaner. Er war die meiste Zeit seines Lebens Pastor bis er merkte, dass das alles nicht mehr passte und ausstieg. Nun leitet er eine kleine Kaffeehausgemeinde in Houston. Ken ist durch und durch Texaner und trotzdem habe ich in dieser Woche einige Dinge von ihm gelernt und seine Lebenserfahrung genossen. Am Ende hat mir seine Frau erzählt, dass die Begegnung mit uns für Ken sehr wichtig und berührend war. Dieser ganze neue Weg ist für ihn schwierig und vage. Uns zu treffen und von Kubik zu hören hat ihm Bestätigung gegeben, dass er richtig liegt und dass es noch andere Menschen gibt, die so ticken wie er. Hier ist ein Texaner, der nach London kam, um von Europäern zu lernen. Dann mal auf zum nächsten Vorurteil…

Veröffentlicht von

Johannes Kleske

Co-Gründer von Third Wave, lebt in Berlin, denkt nach über die Zukunft von Arbeit, Stadt und Kommunikation, mag sowohl guten Kaffee als auch guten Tee. Newsletter, Twitter, LinkedIn, Xing

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