Zwei Seelen

Einer der Hauptgründe für meine Entscheidung zur Selbstständigkeit ist die Angst, bei einem vollen Job in der Webbranche völlig in Konzeption, Meetings und Ajax-Diskussionen unterzugehen und dabei sinnvolle Ziele und das Ausüben der Tätigkeiten, die mich ausfüllen komplett zu vernachlässigen. Die eigentliche Angst ist aber, dass dies schleichend passiert, weil ich mich an den Lebensstil gewöhne und ihn sogar genieße. Es gibt da so einen Teil in mir, der hat Bock nur noch in Buzzwords zu reden, „kreative“ Meetings im Starbucks zu haben, mit nem schicken Notebook durch die Welt zu jetten und ständig am Handy wichtige Gespräche mit Kunden über Deadlines für superwichtige Projekte zu führen. Dieser Teil hätte die Hochzeit der New Economy geliebt und würde jetzt gerne einen Milchkaffee (sorry, Galáo) auf der Schanze trinken, während er diese Zeilen in sein MacBook Pro tippt. Und ich finde das nicht mal schlimm. Ich kann jeden verstehen, der das lebt. Nur stellt ein anderer Teil in mir dann schnell die unbequemen Fragen. Soll das der Sinn deines Lebens sein? Rettet Web 2.0 Menschenleben? Muss ich jede neue Social Software testen, während Kinder in Asien meine nächsten Sneaker fertigen, die zu meinem Hipster-Lifestyle pflichtgemäß dazu gehören? Die richtige Position liegt wohl irgendwo in der Mitte zwischen diesen beiden Polen. Meine Selbstständigkeit erlaubt mir, zumindest hoffe ich das, selbst zu bestimmen, wohin ich mich bewege und gegebenenfalls gegenzusteuern. Wie auch immer… Jedenfalls habe ich richtig Bock auf spannende Webprojekte, bei denen es nicht nur um Werbung und plumpe Promotion geht. Zum Beispiel arbeite ich mit Denis gerade an einem neuen Webauftritt für die Art Academy in London. Das sind richtig coole Leute dort, denen es vor allem um ihr Handwerk und die Kunst geht. Die sind jung und offen für neue Ideen. So macht das für mich Sinn. Dieses Austarieren zwischen den beiden Polen  beschäftigt mich gerade besonders, weil ich mich halt frage, wie ich mich verkaufen soll. Präsentiere ich mich als Web-2.0-Experten, der in Webdiensten und Plattformen zu hause ist und als idealer Berater für Social-Web-Projekte, der eigentlich nur nach der richtigen Idee sucht, um von Yahoo gekauft zu werden? Oder versuch ich’s superehrlich und stelle mich als Berufseinsteiger ohne Karriereambitionen mit kaum Erfahrung und nem zufällig gelungenen Abschluss dar, der was über Web 2.0 geschrieben hat, der aber auch über nen FairTrade-Streetwear-Label/Shop/Mailorder nachdenkt, der nicht aus Karlsruhe weg will, weil er hier das Umfeld und die Freunde hat, mit denen er den heißen Scheiß realisieren will und der einfach nur tausend Projekte machen möchte, die ihm Spaß machen und Erfüllung bringen, ohne schon genau zu wissen, wo das endet.

Also, liebe Firmen, ihr braucht nen Typen, mit dem ihr frische Konzepte für Webprojekte jeder Art entwickeln könnt, die vorwiegend außerhalb der gewohnten Schienen laufen sollen, aber auch gerne Kohle einbringen können? Ihr denkt projektorientiert und nicht in Vollzeit-Festanstellungen? Dann bin ich euer Mann, das Frischfleisch von der Hochschule mit einem Rest von Idealen und ungeschliffenen Perspektiven. Und wenn das Projekt geil ist, schiebe ich sogar gerne Nachtschichten. Wenn ihr aber „Young Talents“, „Future Leaders“, „zukünftige Führungskräfte“ oder „Experten mit Leidenschaft“ für eure Karriereförderungsprogramme sucht, die euch die nächste e-Commerce-Plattform bauen, einen Arbeitsplatz auf eurem fancy „Campus“ und eine 100%-Festanstellung bekommen, aber 150% arbeiten sollen, dann spart euch die E-Mail. Mal sehen, wann ich mir für diese Aussage ins Knie beiße…

Randnotiz: Wie alles in diesem Blog ist auch dieser Text aus dramaturgischen Gründen völlig übertrieben und dient vor allem dazu, dass ich meine Gedanken mal formuliert bekomme, wobei die Realität viel komplexer ist. Aber die wird sich auch nie in einem Blogtext wiedergeben lassen.

Veröffentlicht von

Johannes Kleske

Co-Gründer von Third Wave, lebt in Berlin, denkt nach über die Zukunft von Arbeit, Stadt und Kommunikation, mag sowohl guten Kaffee als auch guten Tee. Newsletter, Twitter, LinkedIn, Xing

14 Gedanken zu „Zwei Seelen“

  1. hab grade auch von einem gehört, der in ner supertollen fima arbeitet, gut geld, firmenwagen, firmenwohnung,… aber die arbeit ist so bürokratisch-holprig mit tausend protokollen festgelegt, dass er nur knapp 1/4 von dem leisten kann, was er könnte… traurig sowas. ne richtige verschwendung von leben.

  2. hab grade auch von einem gehört, der in ner supertollen fima arbeitet, gut geld, firmenwagen, firmenwohnung,… aber die arbeit ist so bürokratisch-holprig mit tausend protokollen festgelegt, dass er nur knapp 1/4 von dem leisten kann, was er könnte… traurig sowas. ne richtige verschwendung von leben.

  3. Mein BPS (noch eine Woche!) habe ich bewusst in einer grossen deutschen Firma gemacht, um mal die Strukturen und Arbeitsbedingungen einer solchen näher kennenzulernen. Wie du schwanke ich hin und her zwischen der Sehnsucht nach (vermeintlicher) beruflicher Sicherheit und der Realisation von dem, was wir bei MSD gelernt haben und was sonst noch so drin ist in einem. Meine kleine Erkenntnis: Ich werde bei der besagten Firma und auch vermutlich sonstwo bei Firmen dieser Grösse (>30.000 Mitarbeiter) niemals voll meine Fähigkeiten einbringen können, dazu sind die Strukturen zu starr. Allein das Konzept eines Betriebsrates war ein eye-opener ;-). Aber ich könnte ein angenehmes, abgesichertes Leben führen. Wnach sich ja ein Teil von mir sehnt. Werd wohl den Herrn mit Fasten und Beten für seine Führung suchen müssen, wenns letztendlich soweit ist…

    P.S.: Was sind „Ajax-Diskussionen“?

  4. Mein BPS (noch eine Woche!) habe ich bewusst in einer grossen deutschen Firma gemacht, um mal die Strukturen und Arbeitsbedingungen einer solchen näher kennenzulernen. Wie du schwanke ich hin und her zwischen der Sehnsucht nach (vermeintlicher) beruflicher Sicherheit und der Realisation von dem, was wir bei MSD gelernt haben und was sonst noch so drin ist in einem. Meine kleine Erkenntnis: Ich werde bei der besagten Firma und auch vermutlich sonstwo bei Firmen dieser Grösse (>30.000 Mitarbeiter) niemals voll meine Fähigkeiten einbringen können, dazu sind die Strukturen zu starr. Allein das Konzept eines Betriebsrates war ein eye-opener ;-). Aber ich könnte ein angenehmes, abgesichertes Leben führen. Wnach sich ja ein Teil von mir sehnt. Werd wohl den Herrn mit Fasten und Beten für seine Führung suchen müssen, wenns letztendlich soweit ist…

    P.S.: Was sind „Ajax-Diskussionen“?

  5. FairTrade-Streetwear-Label/Shop/Mailorder: das wäre eine geniale Idee. Marisa ist sehr vom Fair-Trade-Gedanken angetan, aber wo kaufen, wenn H & M keine Wahl mehr ist, schliesslich will mann/frau ja dann auch nicht in Jutte-Säcken und handgestrickten T-Shirts rumlaufen….wir würden also bei deinem Shop einkaufen! Yes!

    Wünsche dir eine gute Woche

  6. FairTrade-Streetwear-Label/Shop/Mailorder: das wäre eine geniale Idee. Marisa ist sehr vom Fair-Trade-Gedanken angetan, aber wo kaufen, wenn H & M keine Wahl mehr ist, schliesslich will mann/frau ja dann auch nicht in Jutte-Säcken und handgestrickten T-Shirts rumlaufen….wir würden also bei deinem Shop einkaufen! Yes!

    Wünsche dir eine gute Woche

  7. Also meinen Respekt für deine Gedanken und die ehrliche Suche nach deinem Weg hast du jedenfalls! Ich wünsch‘ dir dafür sehr gutes Gelingen!

  8. Also meinen Respekt für deine Gedanken und die ehrliche Suche nach deinem Weg hast du jedenfalls! Ich wünsch‘ dir dafür sehr gutes Gelingen!

  9. find es auch sehr interessant, was du da denkst, denn einige gedanken kenne ich nur zu gut… (auf der schanze sitzen bla bla bla…) aber ehrlich gesagt wünsch ich mir genau das durch selbstständige arbeit zu erreichen… mein chef zu sein und meinen idealen zu folgen. mit dem geld das ich verdiene junge talente zu unterstützen und einfach sauber arbeiten…

    in nen paar jahren weiß ich mehr…

  10. find es auch sehr interessant, was du da denkst, denn einige gedanken kenne ich nur zu gut… (auf der schanze sitzen bla bla bla…) aber ehrlich gesagt wünsch ich mir genau das durch selbstständige arbeit zu erreichen… mein chef zu sein und meinen idealen zu folgen. mit dem geld das ich verdiene junge talente zu unterstützen und einfach sauber arbeiten…

    in nen paar jahren weiß ich mehr…

  11. … kann ich gut verstehen, deine Gedanken. Ich glaube, da sind auch die unterschiedlichen Naturen in uns im Spiel. Als Christen sind wir mit Gott verbunden und Gottes Herzschlag wird zu unserem Herzschlag. Und was liegt Gott am meisten am Herzen? Dass Menschen nicht verloren gehen, sondern ewiges Leben haben. Gott möchte nicht, dass ein einziger Mensch verloren geht. Wie leicht verliert man das als Christ im „bequemen Westen“ aus den Augen. Ich bitte Gott immer wieder, mich wach zu rütteln, mir sein Feuer in die Knochen zu brennen. Was zählt in dreihundert Jahren eine beispiellose Karriere? Was zählen in dreihundert Jahren zehn Menschen, die sich Jesus zugewandt haben und in seine Nachfolge traten, weil ich für sie gebetet habe, weil ich ihnen von Jesus erzählt habe, weil ich sie in Jesu Namen berührt habe? Und das Potenzial ist viel höher als zehn Menschen, wobei es einer schon Wert wäre. Wenn Jesus für ihn stirbt, wie kann ich, ein Jünger Jesu, nicht mein Leben dafür geben, dass er die Wahrheit erkennt und das Licht sieht?

    Gottes Segen und Führung auch weiterhin!

  12. … kann ich gut verstehen, deine Gedanken. Ich glaube, da sind auch die unterschiedlichen Naturen in uns im Spiel. Als Christen sind wir mit Gott verbunden und Gottes Herzschlag wird zu unserem Herzschlag. Und was liegt Gott am meisten am Herzen? Dass Menschen nicht verloren gehen, sondern ewiges Leben haben. Gott möchte nicht, dass ein einziger Mensch verloren geht. Wie leicht verliert man das als Christ im „bequemen Westen“ aus den Augen. Ich bitte Gott immer wieder, mich wach zu rütteln, mir sein Feuer in die Knochen zu brennen. Was zählt in dreihundert Jahren eine beispiellose Karriere? Was zählen in dreihundert Jahren zehn Menschen, die sich Jesus zugewandt haben und in seine Nachfolge traten, weil ich für sie gebetet habe, weil ich ihnen von Jesus erzählt habe, weil ich sie in Jesu Namen berührt habe? Und das Potenzial ist viel höher als zehn Menschen, wobei es einer schon Wert wäre. Wenn Jesus für ihn stirbt, wie kann ich, ein Jünger Jesu, nicht mein Leben dafür geben, dass er die Wahrheit erkennt und das Licht sieht?

    Gottes Segen und Führung auch weiterhin!

  13. Nette Predigt, digger. Aber was genau willst du damit sagen? Was verbirgt sich hinter dem Kanaanäisch?

  14. Nette Predigt, digger. Aber was genau willst du damit sagen? Was verbirgt sich hinter dem Kanaanäisch?

Kommentare sind geschlossen.