Ich hab neulich mal gefragt, was es braucht, damit in Deutschland ein Umfeld entsteht, in dem mehr Web-Innovation passiert. Dazu mache ich gerade eine interessante Beobachtung.
Ich administriere für verschiedene Projekte die Kommunikation über Basecamp. Ein Projekt ist mit Leuten aus England und Amerika besetzt. Es brauchte nur ein paar Stunden nach der Einrichtung, dann hatten sich alle Beteiligten angemeldet und begannen das System extensiv zu nutzen. Die Kommunikation, die bisher in diesem einzelnen Projekt gelaufen ist, übersteigt von Umfang und Qualität alle anderen Projekte, die ich verwalte, zusammen. Eine der Beteiligten war so angetan von Basecamp, dass sich mich bat für ein anderes Projekt von ihr Basecamp einzurichten. Hier wieder das gleiche. Nach wenigen Stunden hatten sich alle Beteiligten, alle ebenfalls aus England und den USA, eingeloggt und begannen fröhlich zu kommentieren. Selbst deutlich ältere Beteiligte, von denen man eigentlich eine höhere Barriere vor der Benutzung solch eines Systems erwartet hätte, waren voll dabei.
Dagegen habe ich ein Projekt für ein deutschsprachiges Team eingerichtet, von dem sich bisher die Hälfte der Beteiligten nicht mal eingeloggt hat, geschweige denn kommuniziert.
Die Frage, die sich mir aus dieser Beobachtung stellt: Liegt der himmelweite Unterschied in der Nutzung des Systems rein in der Sprachbarriere des englischen Systems für die Deutschen oder liegt da doch eine größere Technologiebarriere der Deutschen zu Grunde?
Ich bin Johannes Kleske, 29, aus Karlsruhe. Ich arbeite als Konzepter für die Digitalmarketing-Agentur Neue Digitale / Razorfish in Frankfurt.


ich denke dass es daran liegt, dass die deutschen es nicht gewohnt sind solche systeme zu benutzen. es fehlt das verständnis dafür wie sehr solch ein system die kommunikation erleichtert und weiterhin fehlt die bereitschaft in solch ein system ausreichend zeit zu investieren.
was der bauer net kennt frißt er net…
Das kann man in quasi allen Communitys beobachten, schon seit Jahren.
Vielleicht gibt es noch mehr Gründe?
z.B. könnten Deutsche weniger extrovertiert, weniger “exhibitionistisch” sein?
Der deutsche Michel ist ja auch in allen Dingen eher träge und macht nicht oft viele Worte um alles, das könnte auch mit rein spielen. Man hält sich lieber zurück, und läßt die anderen erst mal was machen.
Eine Technologiebarriere? Eher nicht, zumindest nicht bei vielen. Eher eine Barriere vor dieser Art, vor diesem Lifestyle.
Vielleicht muß ein Sozialsoftwarewerkzeug für den Deutschen anders aussehen?
Aber das wirst du ja herausbekommen!
Ich weiß nicht mehr…aber ich glaube, es war Oskar, der bei Anina kommentiert hatte…naja, es ging um eine Studie, die festgestellt hatte, dass Deutsche unglaublich langsam und vorsichtig sind, neuere Technologien anzunehmen und zu verwenden. Ich glaube, es ist so was Ähnliches hier zu beobachten.
Zum Beispiel: Blogs. Es ist sooooo ein Stigmata für mich, dass sobald ich in mein Freundeskreis das Wort ‘Blog’ reinwerfe, bekomme ich einfach nur ahnungslose und fragende Blicke…geschweige mal, dass ich überhaupt anfangen soll, über Moblogging zu reden. *seufz*
ich denke das da auch eine gewisse angst ausschlaggebend ist, etwas “falsches” zu posten/kommentieren und eine große unsicherheit wie solch ein beitrag aussehen “muss”.
gerade bei projekten in der uni habe ich den eindruck, das sich die leute einer einseitigen vermeintlichen sanktionierung durch den dozenten ausgesetzt sehen. da liest man dann lieber einfach nur mit und regt sich darüber auf das sich niemand beteiligt…
gleichzeitig lässt aber auch die usability z.b. von e-learning plattformen sehr zu wünschen übrig, von der administration mal ganz abgehsehen. wenn es sich dann auch noch um eine englischsprachige oberfläche handelt sind deutsche user sehr schnell in einer passiven rolle und fragen “was bringt es mir wenn ich es a) nicht richtig verstehe, b) ich angst vor negativer reaktion habe, c) unsicher in der bedinung bin.”
studien die sich mit dem erfolg von online-projektumgebungen befasst haben, zeigen auch immer wieder das deutsche scheinbar ein gößere problem damit haben als user aus anderen ländern ohne handschriftliche notizen zu arbeit. gerade wenn es um wissen geht, das erlernt werden muss, wird der elektronischen form wesentlich weniger gehalt und information zugeschrieben als der in “echt” auf dem papier vorliegenden…
außerdem gibt es in deutschland eine hohe sensibilität gegenüber risiken der internetnutzung; da wartet man lieber mal ab wie es den anderen damit ergeht - man kann ja immer noch mit machen……. *ratlos*
Jemand hat mal geschrieben, dass eine große Zäsur in diesem Bereich der WW2 war. Vorher waren auch die deutschen technologisch an der Spitze. Immerhin waren viele Nobelpreisträger Deutsche. Die Chemiebranche, Physik, all das wurde entscheidend durch deutsche Wissenschaftler vorangebracht. Und das waren damals die Boombranchen, so wie heute das Internet und die Informationstechnologie. Aber nach dem zweiten Weltkrieg hat sich mehr die Gemütlichkeit breit gemacht. Man will das, was man sich aufgebaut hat, bewahren. Und alles neue steht im Verdacht, das Bewährte zu demontieren. Die Adaption neuer Technologien findet also viel langsamer statt. Wir sind gesättigt. Wir haben es uns gemütlich gemacht. Mir als Deutsch-Pole fällt das in Deutschland im Unterschied zu Polen auf. Diese Nation ist viel jünger und dynamischer. Man hat nicht viel, also kann das Neue nicht verlust sondern fast nur Gewinn bedeuten. Das merkt man dort auch. Es gibt z.B. viel mehr polnische Blogger als deutsche Blogger.
Häufig ist es aber auch so, dass wenn der deutsche Dino sich bewegt, dann aber richtig. Es muss eine kritische Masse erreicht sein. Dann kommt so ein “Wir müssen den Anschluss finden” Schub und nach kurzer Zeit ist man spitzenreiter. Das habe ich in den letzten Jahren häufiger beobachtet.
Bei den Kommentaren wird immer spekuliert, dass eine geringe Nutzung der Kommunikationsplattformen an dem Technologie-Phlegmatismus der Deutschen liegen mag.
Zwar bin ich selber technikbegeistert, nutze jedoch lieber direkten persönlichen Kontakt. Ich habe alle möglichen elektr. Medien seit ihren Anfängen nutzen können und festgestellt, dass mir selbst das sinnliche Erleben einer ECHTEN Begegnung dabei fehlte. Bei allem, was aufkam und was ich nutzen konnte, war ich zunächst fasziniert, bis es mich schnell zu langweilen begann. Geruch, Blicke, Berührungen - all das, was ich bei einer echten Begegnung erlebe - und zwar direkt und ohne Umwege - hat für mich einen höheren Stellenwert bekommen als jede noch so leicht zu bedienende Kommunikationsplattform.
Ich spreche da sicher nicht für alle Deutschen, dass ist mir klar. Aber vielleicht ist es in dem Land der kurzen Wege bequemer, direkt andere Menschen zu treffen als z.B. in Amerika. Aber das ist mit Sicherheit nicht der einzige, wahre Grund.
Die Deutschen kategorisieren Technologien als sinnvoll oder nicht sinnvoll. Der Topf des “Nicht-sinnvollen” ist dabei ungleich größer. Wird die Technologie jedoch als “sinnvoll” eingestuft, dann holen die Deutschen sehr schnell auf diesem Gebiet auf und überholen sogar.
So stellt sich die Frage, inwieweit ein Blog sinnvoll ist. Er mag witzig, skurril, psychologisch deutbar oder einfach nur schön sein. Vielleicht findet man auch das ein oder andere lehrreiche Element darin - aber das kann u.U. dauern, bis man es findet. Hier fehlt das spielerische Element bei dem Deutschen.
Auf zahlreichen Ausstellungen auf diesem Gebiet musste ich die Erfahrung machen: Franzosen, Italiener, Amerikaner - sie sehen etwas und wollen es gleich einmal ausprobieren. Der Deutsche sieht dabei erst einmal zu, wartet ab und beobachtet. Hält er es für sinnvoll, dann nutzt er es auch. Wenn nicht, wendet er sich ab.
Das spielerische Element, Dinge auszuprobieren, auszureizen und damit Tranferprozesse auszulösen, bleibt dabei häufig auf der Strecke.
Möglichkeiten entstehen in Deutschland nicht durch Ausprobieren, sondern “Erdenken”.